[Subversive Kirche – was macht(e) Kirchen subversiv?]

So nachdem nun die Prüfungen zunächst mal vorbei sind, wollte ich doch noch die Serie zu einem Ende bringen. Und anstatt jetzt tatsächlich durch sämtliche Phasen und wichtige Ereignisse der DDR Kirchengeschichte zu gehen und die Leute mit einem komplexen Bild dieser Zeit zu langweilen, will ich die Sachen etwas herunterbrechen.

Die Frage, die ich mir gestellt habe: inwiefern konnte Kirche in der DDR subversiv sein, also die offizielle Linie der SED durch eigene Praxis zu unterwandern? Und welche Rolle spielte das am Ende der DDR? Ich mag hier eigentlich keine einfachen Thesen, nach dem Motto: die Montagsgebete waren der entscheidende Faktor der Wende, so einfach ist es dann nicht. Außerdem muss man sagen: die Kirche konnte nur an einigen Stellen subversiv und kritisch sein, weil sie vorher an anderen Stellen besonders angepasst und loyal dem Staat gegneüber war. So muss man die Kirche als institutioneller Akteur (und hier besonders die Kirchenleitung) unterscheiden von der Kirchenbasis und allgemeiner noch: der Kirche als Raum.

Kirchensprengung

Es war ja prinzipiell sehr einfach in der Logik der SED als “Agent ideologischer Diffusion”, also Aufweichung der klaren Linie durch “Sozialdemokratismus” zu gelten. Allergisch reagierte man dabei nicht auf konservative oder apolitische Geistliche, die zum im Sinne der Zwei-Reiche-Lehre Luthers eher politisch zurückhaltend blieben. Nein gefährlich waren eher jene, die im gewissen Sinne überzeugte Sozialisten waren, aber einen anderen Sozialismus wollten. So zum Beispiel  Probst Falcke aus der Kirchenprovinz Sachsen, der einen von einem “verbesserlichen Sozialismus” redete und so schnell den Unmut der SED auf sich zog. Natürlich wollte Kirche im großen und ganzen nicht subversiv sein, aber gerade die Engstirnigkeit der SED Ideologie machte viele, die eigentlich dem Staat positiv gegenüber standen zu Abweichlern, auch wenn gerade die Mehrheit der Kirchenmitglieder eher angepaßt und unpolitisch waren.

Was konnten nun Faktoren sein die Kirche zu subversiven Orten machen konnte?

Kirche als U-Topos

Prinzipiell war die Kirche an sich ein Fremdkörper in der sozialistischen Welt auch und gerade weil sie sich bemühte, sich anzupassen. Die Kirche war bestensfalls als gesellschaftlicher Ort nicht vorhanden, schlimmstenfalls sollte sie bekämpft werden. Sie war ein Ort, der auch trotz der Unterwanderung durch die Stasi immer ein Stück ver-rückt blieb, der nie ganz durchwaltet werden konnte. Schon die Anwesenheit von Kirchen als Gebäude, die für eine andere Weltanschauung standen konnte allergische Reaktionen auslösen, wie sich in den über 60 Kirchensprengungen zeigt, die vor allem unter Ulbricht vorgenommen wurden. Auch wenn die rechtliche Situation nicht gesichert war, so waren in der Praxis Gottesdienste (und kirchliche Veranstaltungen mit gottesdienstlichem Charakter) die einzigen Veranstaltungen die nicht genehmigt werden mussten. Kirche war ein Raum in der nicht die sozialistische Sprach- und Ritualkultur herrschte, sondern eine andere Sprache und andere Rituale. Kirche wurde so zum Nirgends-Ort, zum anderen Ort, zur U-topie in der real existierenden Utopie. Es war der Ort, der in den symbolischen Landkarten der SED immer weiß bleiben musste und gerade deshalb auf die Unvollständigkeit dieser Landkarten hinweisen konnte. Sie war ein “Fehler im System”, ein Riss, der auf die Unabgeschlossenheit der herrschenden Ideologie hinwies.

Kirche und Subkultur

Noch in den späten 60er Jahren erklärte Ulbricht, was er von “Beatmusik”, wie man damals gitarrenlastige Musik nannte, hielt, nämlich nichts. Man sollte mit der Monotonie des “Yeah, Yeah, Yeah (besser: Je, Je, Je)” (-> Beatles) Schluß machen. Und so wurde im Grunde große Teile der Jugend vom System entfremdet, nur weil sie andere Musik hören wollte. Auch wenn es unter Honecker eine kurze Phase der Entspannung gab, so war es noch fast mehr die Inhaftierung der Mitglieder der Gruppe Renft 1975 (die ja jeder hörte) als es die Ausbürgerung von Biermann war, die zeigte, dass eigentlich für Mit- und Querdenker, für Unangepaßte und für die, die musikalisch und künstlerisch eigene Wege gingen, kein Platz war in diesem System. Da waren es die sogenannten Blues Messen, die beginnend in Thüringen, zum Ort wurde, an dem Künstler ihre Kunst präsentieren konnte, auch wenn sie weder dem Staat noch der Kirche so recht passen konnte. Pfarrer Walter Schilling, Gründer der ersten Blues Messen JUNE, beschrieb, wie er auf die Idee dafür kam:

“Ich habe immer noch den Stones Hit im Ohr: ‘I’m free’. Das war das ganze Lebensgefühl der Leute und das gehört in so ne Kirche. Und so waren wir die ersten die mit unserer Musik in die Kirchen gingen. Der Staat hätte eigentlich froh sein müssen. Aber Leute die mit solchen Scheuklappen durch die Gegend laufen verstehen nicht, das wir eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe erfüllt haben. Ein Staat kann doch im Grunde genommen Arschkriecher nicht gebrauchen, sondern er braucht Leute, die einen eigenen Kopf haben und auch mal quer denken können.”

So bedeutete in diesem Sinne gefährliche Kirchenmusik nicht nur Bach oder Paul Gerhard, sondern eben auch die Stones und andere Beatmusik, insofern diese in die Kirche gelassen wurde.

Ein subversives Thema

Doch die Kirche wirkte nicht nur als offener Raum -der sie ja auch nur in einigen Fällen war- subversiv. Sie hatte  in den späten 70er Jahren ein Thema besetzt, das von hoher Brisanz war: der Frieden. Frieden war die zentrale Legitimationsvokabel im Ostblock, vergleichbar mit “Freiheit” im Westen. Friedenspolitik war immer ein Synonym mit “Außenpolitik”. Der SED Staat betrachtete sich a priori als friedliebend. Und seit Beginn der DDR drängte man die Kirchen dazu, zur Friedenspolitik der DDR – positiv – Stellung zu nehmen. Nun seit den 70ern war die Kirche dazu bereit, denn sie hatte tatsächlich ihre Kontakte mobilisiert um für die außenpolitische Anerkennung der DDR zu werben. Als dies erreicht war ließ man aber auch kritische Töne hören und es entstand parallel zur Friedensbewegung im Westen eine eigene Friedensbewegung in der Kirche der DDR. Frieden war ein Thema, das sowohl bis tief in die SED Ideologie hineinreichte (und dafür sorgte, dass sie Schwierigkeiten hatte zu erklären, warum genau sie gegen die Friedensbewegung ist), das tief in der christlichen Spiritualität verwurzelt ist und das eine Reihe von subkulturell geprägten Jugendlichen ansprach, die sich für Frieden und gegen die Militarisierung der DDR positionierten. Dies wurde dann sichtbar im Aufnäher “Schwerter zu Pflugscharen”. Ein Symbol das sich zB beim Prophet Micha findet, aber auch vor dem UN Hauptquartier in New York und dort als Gabe der Sowjetuntion stand. Allerdings ging der Staat mit aller Härte gegen Träger von den entsprechenden Aufnähern vor. Das zeigte, wie sehr dieses Thema einen staatlichen Nerv traf, denn eigentlich wollte er diejenige Instanz sein, die die Jugend und den Frieden für sich gepachtet hatte. So begannen auch 1982/83 die Friedensgebete in der Nikolaikirche. Jeden Montag war das ein Ort, an dem sich über Themen recht frei ausgetauscht werden konnte, zunächst über sozialethische Themen, später auch über innenpolitische, aber dabei ohne das die christliche Spiritualität einseitig sozialethisch verzweckt wurde. Immer wurde versucht, die christliche Spiritualität zu kontextualisieren. So handelte es sich um eine genuine politische, subversive Spiritualität, die dabei weder aufdringlich wurde noch sich einseitig anbiederte. Und diese eingespielte Praxis, die sich 6-7 Jahre schon bewährt hatte wirkte dann als einer unter vielen Faktoren am Ende der DDR entscheidend mit. Nämlich als der Protest, der sich langsam vortastend formierte, nach Anlaufstellen suchte um sich zu finden und sich an die Öffentlichkeit zu wagen.

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