[Subversive Kirche – die frühen Jahre und die fragile Volkskirche]

Die frühen Jahre der Kirche in der DDR waren durch eine Art Kirchenkampf der SED geprägt. Der Marxismus in der Interpretation durch Lenin schien wenig Raum für das Überleben der Kirche in der sozialistischen Gesellschaft zu lassen. So ist der religiöse Glaube doch der “Seufzer der unterdrückten Kreatur” und das “Gemüt einer herzlosen Zeit und der Geist geistloser Umstände”. Aber natürlich sah Marx die Religion dialektisch, das heißt, sie war nicht nur das Opium des Volkes, sondern auch Protest gegen unterdrückerische Zustände. Doch sah man beim kämpferisch-revolutionären Aufbau des real existierenden Sozialismus keine Zeit für differenzierte Sichtweisen, wie auch im restlichen Bestehen der SED-Diktatur keine Zeit für das Abweichen vom schwarz-weiß-Denken gab (denn jedes Abweichen von der spröden Logik der Funktionäre wurde als gefährlicher “Sozialdemokratismus” gefürchtet und bekämpft).

Und so führte man in den 50er Jahren einen kruden Kampf gegen die Kirche, besonders gegen ihre Jugendarbeit (die Junge Gemeinde) und die Stutendengruppen. Man nahm Pastoren fest, sprengte bis in die späten 60er Jahre hinein Kirchen und bedrängte kirchlich gebundene Jugendliche. Doch dieser Kirchenkampf, der mit einem aggressiven stalinistischen Aufbauprogramm der DDR verbunden war, war der Sowjetunion nicht so ganz recht. Sie wollte dem Klassenfeind im Westen keine Steilvorlage für seine damals grassierende antikommunistische Propaganda liefern und so entschied man, einzulenken.So verordnete die moskauer Führung der SED einen neuen Kurs in Sachen Kirchenpolitik:  man solle weg von “administrativen Maßnahmen” hin zu einer subtilen Unterwanderung der Kirche und zu einer “Aufklärungsarbeit unter kirchlich gebundener Bevölkerung”.

Diese Vorgabe blieb im Wesentlichen bestehen bis zum Ende der DDR. Man versuchte die Kirche an den Rand zu drängen durch eine gezielte und mehr oder weniger subtile Unterwanderungspolitik. So musste sich die SED Kirchenpolitik in einem Spektrum bewegen, das zwischen “Opportunismus” (wie es im SED Jargon hieß und was so viel wie “übergroße Nachgiebigkeit gegenüber den Kirchen”) und “Sektierertum” (was übergroße administrative Härte gegenüber den Kirchen bedeutete und was zu dokumentierbaren Menschenrechtsverletzungen führen konnte) bewegte. Dabei war dabei die Einführung der Jugendweihe ein wichtiges Mittel. Diese Tradition kam aus der Arbeiterbewegung und war ein Ritual, das sich als atheistisch-humanistischer Initiationsritus im Gegenüber zur Konfirmation eingesetzt wurde. Dennoch gab es bis 1954 keine staatlich gelenkten Jugendweihen in der DDR. Diese wurden nun eingeführt und trafen die Volkskirche an einen empfindlichen Punkt: ihren Kasualien, also den Ritualen wie Taufe, kirchlicher Hochzeit und Bestattung, die traditionell mit dem Christentum in Verbindung gesetzt werden. Die SED beherrschte dabei ein wichtiges Instrument: die Herbeiführung von unklaren Situationen. Es war schlicht nicht klar, was es bedeutet, wenn man nicht an der Jugendweihe teilnahm, aber jeder ahnte und einige erfuhren es auch: man wurde am beruflichen Weiterkommen behindert. Kurz: keine Jugendweihe, keine Karriere.

Nun war die Frage, wie die Kirche reagierte. Und sie wollte in dieser Situation des Kirchenkampfes sehr entschlossen reagieren und ihre Mitglieder zum Widerstand gegen diese Praxis aufzurufen. Man gab die Leitlinie heraus, dass es nicht möglich sei, gleichzeitig an der Jugendweihe und der Konfirmation teilzunehmen, man verlangte also ein deutliches Entweder-Oder, was auch dem Charakter dem Charakter der Jugendweihe entsprach. Aber man überschätzt die Mitglieder. Man versuchte damit ja quasi aus der Volkskirche eine Bekenntniskirche zu machen und ihre Mitglieder dazu bewegen, im Zweifelsfall das christliche Bekenntnis als höher einzuschätzen als das persönliche Vorrankommen. Dieser Idealismus ist sicher sehr lobenswert, aber kann man ihn verordnen und kann man ihn dazu noch in einer volkskirchlichen Struktur erzwingen. Einige Jahre hielten auch die Reihen der Kirche, aber spätestens 56/57 kam es zu einem großen Einbruch der Volkskirche. Während 1950 noch 92% der Bewohner der DDR kirchlich gebunden waren, so war dies 1964 nur noch 64 %. Ein Erfolg auch ganzer Linie.

Man wird ein wenig nachdenklich. Wie stabil sind volkskirchliche Traditionen? Wie sinnvoll ist es, fast ausschließlich auf die Kasualien zu setzen? Wie wäre es im volkskirchlich gefestigteren Süddeutschland, wenn vermehrt säkulare Ersatzriten angeboten würden? Wie lange würden volkskirchliche Strukturen bestehen bleiben?

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