Karfreitag oder: ein Bein, das sich zum Tanze regt…

… wird im Himmel abgesägt. 

Jedes Jahr das gleiche Bild. Die Disko- und Clubbetreiber beschweren sich über das gesetzliche Tanzverbot, die Grünen rufen zu irgendwelchen Tanz-Flashmobs auf und die Kirche lässt verlautbaren, wie wichtig diese Traditionen sind. 

Da sind mehrere Aspekte zu beachten. Zunächst einmal die Frage, ob sich so ein Tanzverbot überhaupt inhaltlich begründen lässt. Hier finde ich kann man beim Volkstrauertag oder Karfreitag Begründungen finden, nicht jedoch am Ostersonntag. Ein Tanzverbot für den Ostersonntag ist theologischer Unsinn. Aber gut. 

Es geht doch gar nicht darum, ob es sinnvoll ist, am Karfreitag tanzen zu gehen und ob, es nicht auch reicht, wenn man die übrigen 364 Tage im Jahr tanzen gehen kann. Es geht um das Selbstverständnis der großen Kirchen und wie sie ihre Rolle in der Gesellschaft sehen. 

Es wird hier immer die Parallele zum Sonntag und zur Frage “warum denn überhaupt christliche Feiertage feiern?” gezogen. Aber die Situation ist eine andere: der freie Sonntag und das Faktum der christlichen Feiertage wird von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen. So wie ich das sehe, wollen die Menschen auch weiterhin Weihnachten und Ostern …irgendwie … feiern. Das Feiern und Festtage in jeder Geselllschaft eher Konvention und weniger inhaltlich bestimmt sind, ist ja klar (und war auch nie anders, nur das die Konventionen früher etwas mehr fromme Einfärbung hatten). Die Kirche kämpft für das Tanzverbot aus den falschen Gründen: sie will ihre gesellschaftliche Vormachtsstellung sichern, sie will bestimmende Kraft des kulturellen Lebens sein. Aber die Realitäten haben sich in den letzten 30 Jahren radikal gewandelt. Wir leben in einer dezidiert postchristlichen Gesellschaft. Und alle wissen das, nur die Kirchen können sich noch in Illusionen der vergangenen Größe wiegen, weil sie ja wissen: “spätestens zur Hochzeit und Taufe kommen unsere Schafe wieder”. Aber dies muss nicht so bleiben, gerade das Beispiel der DDR zeigt, wie fragil eine Kirche ist, die sich nur auf die Kraft ihrer Kasualien (Trauung, Konfirmation) beruft und den gesellschaftlichen Rückhalt längst verloren hat. 

Es geht nicht um die Frage, ob wir vielleicht verlernt haben, in Rhythmen zu leben. Es geht nicht um die Erkenntnis: wenn alle Tage gleich verlaufen, gibt es nichts Besonderes mehr. Es geht nicht darum dass dafür geworben wird, auch bewusst, verschiedene Rhytmen des Lebens zu begehen (es gibt Zeit zum Trauern und zum Feiern, Zeit zum Arbeiten und zum Ausruhen). Es geht um die Frage, ob Kirchen einer Gesellschaft diese Rhythmen diktieren dürfen. Es geht um die Frage: sind es gesetzliche Vorgaben oder Angebote, die man macht. Ich glaube nicht, dass derjenige, desses Todestag am Karfreitag gedacht werden soll, sich für gesetzliche Regelungen ausgesprochen hätte. Hatte er doch gesagt: 

Da rief Jesus sie alle zusammen und sagte: »Ihr wisst, dass die Herrscher über die Völker sich als ihre Herren aufführen und dass die Völker die Macht der Großen zu spüren bekommen. Bei euch soll es nicht so sein. Im Gegenteil: Wer unter euch groß werden will, soll den anderen dienen wer unter euch der Erste sein will, soll zum Dienst an den anderen bereit sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben.« (Matthäus 20, 25 – 28)

Kirche hat in einer Position der Macht nichts verloren. Wenn Kirche Einfluss haben möchte, dann muss sie bereit sein, sich marginalisieren zu lassen. Die Kirche kann nur “im Dorf” bleiben, wenn sie bereit ist, am Rand des Dorfes stattzufinden. Es gehört konstitutiv zur Kirche dazu, dass sie nicht in der Mitte der Gesellschaft, nicht deren Stütze oder Verteidigerin ihrer Traditionen ist, sondern am Rand situiert ist, um für den Rand zu sprechen und vom Rand aus die Mitte auch hinterfragen zu können. Eine Kirche, die um ihre Vormachtstellung kämpft, hat diese bereits verloren und mit ihr auch ihre Seele. Viel mehr sollte sie doch die Herausforderung annehmen und Angebote schaffen, die die Menschen auch gerne annehmen. Sie sollte aufhören Gralshüterin des Bewährten zu sein und nostalgisch in alter Größe zu schwelgen und Motor für Innovation werden. Wenn die Mehrzahl der Gesellschaft sowieso den Karfreitag nicht mehr feiern will, dann hat sie doch bereits versagt darin, Angebote zu schaffen, die als relevant erfahren werden. Vielleicht muss sie sich diesen Realitäten einfach einmal stellen und sich selbst hinterfragen. 

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One thought on “Karfreitag oder: ein Bein, das sich zum Tanze regt…

  1. Jakob Friedrichs says:

    Danke für das Zitat…! :-)Ich kann dem gut folgen, was du sagst. Ich hätte kein Problem damit, wenn am Karfreitag getanzt werden würde (Am Ostersonntag ist das Tanzverbot sowieso blödsinnig, da hast du völlig Recht). Und ich stimme dir auch zu, dass die Kirche sich an der Diskussion eines offiziellen Verbotes aus der Rolle der "Bestimmerin" besser raushalten sollte. Andererseits denke ich – auch wenn man in einer postchristlichen Kultur lebt – dass man mit dem Begehen eines christlichen Feiertages als Gesellschaft, ausdrückt, dass man diese (vielleicht vergangene/ überwundene/ hinter sich gelassene) Kultur würdigen will. Das könnten uU sogar ein Atheist und sehr wahrscheinlich auch Agnostiker freudig tun. Von daher wäre für mich ein etwaiges Tanzverbot keine kirchliche, sondern eine gesellschaftliche Frage, die die Politik zu beantworten hätte.Will man sich als Gesellschaft bestimmte Traditionen/ Erzählungen erhalten und die eigene Historie damit würdigen, selbst wenn ein Großteil der Bevölkerung diesen Erzählungen nur noch wenig abgewinnen kann? Dann sind Feiertage dieser Tradition sicher ein probates Mittel dafür und dann wäre auch ein Tanzverbot an einem dieser Feiertage hilfreich, um das zu unterstreichen.will man das nicht, dann sollte man als Gesellschaft so konsequent sein und die Feiertage dieser vergangenen Kultur abschaffen. Fänd ich nur konsequent. Und die Wirtschaft würde sich auch freuen…

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