Volf – Exklusion, Unterdrückung und Entfremdung

Ich lege gleich nach und beginne damit, einige Gedanken von Volf nochmal zusammenzufassen und aufzuarbeiten. Dabei liegt mein Schwerpunkt auf Exklusion & Embrace (ich nutze hier weiterhin den englischen Titel), da ich über dieses Buch ja auch geprüft werde. Genauer beschränke ich mich nun erstmal auf die Kapitel 2 und 3, die jeweils vom Thema der Exklusion und der Umarmung handeln. Es soll hier also nicht wie im vorherigen Post, um eine kritische Auseinandersetzung, sondern um die Aufarbeitung von zentralen Gedanken gehen.

Miroslav Volfs Buch Exclusion & Embrace (=E&E) entstand zu einer Zeit, in der nach dem Zusammenbruch von vielen Ostblock Staaten und durch die Kräfte der Globalisierung verschiedenste gewaltsame ethnische Konflikte entbrannt waren. Der Balkankrieg war gerade ein Jahr vorrüber (zumindest der Konflikt in Kroatien und Bosnien-Herzegowina), zwei Jahre vor Erscheinen des Buches tobte in Ruanda einer der schlimmsten Genozide nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwei Jahre zuvor gab es schwere Unruhen unter afroamerikanern in Los Angeles. Kurz um: gerade nach dem Verschwinden der Supra-Struktur des Kalten Krieges stellte sich das Thema der kulturellen Identität mit neuer Brisanz und durch Prozesse der Globalisierung kam es zu einem steigenden Konfliktpotenzia in Gesellschaften.

Miroslav Volf versuchte damals eine theologische Antwort auf diese kulturellen Konflikte zu finden. Doch bevor es darum gehen kann, einen positiven Beitrag zu Konflikten zu machen, müssen diese erst richtig erfasst und eingeordnet werden.

Volf setzt sich dabei zunächst mit Kategorien auseinander, die bisher die Analyse und Beilegung von Konflikte vor allem im theologischen Denken gepärgt haben. Dabei war eine typisch “moderne” Metapher für Konflikte die der Befreiung bzw. Emanzipation von Unterdrückung. In ihrer liberalen Variante ging es dabei um die universalen Menschenrechte, die jeder Mensch besitzt und die (vor allem durch totalitäre Staaten) unterdrückt werden. (Negative Freiheit) Eine anderer Begriff Freiheit, der vor allem von sozialistischen Gruppen benutzt wird, verdeutlicht: was nutzt die Freiheit von unterdrückerischen staatlichen Handlungen, wenn man kein Auskommen hat und in ökonmomischen Zwängen gefangen ist. Hier wird Freiheit als Ermächtigung verstanden, sein eigenes Leben gestalten zu können (positive Freiheit). Wie auch immer die Befreiung im Detail gedacht wird, eine Gesellschaftsanalyse, die sich vor allem in den Kategorien der Befreiung von Unterdrückung bewegt, hat die Tendenz die meisten Konflikte in ein Täter-Opfer-Schema einzuordnen. Es wird immer wieder nach einer unterdrückerischen Instanz gesucht, der ein unschuldiges Opfer gegenübersteht. Konflikte, die diesen Rahmen sprengen werden entweder ganz ignoriert oder so “zurechtgebogen”, dass sie zu diesem Schema passen. Volf will natürlich nciht behaupten, dass es keine Täter und Opfer gäbe, sondern dass selbst dort, wo es eindeutig Täter gibt, es zum Wesen der Gewalttat dazugehört, dass eine Welt geschaffen wird, in der Opfer nicht immer Opfer bleiben (können) und die Gewalt fortgeschrieben wird. Viele Konflikte sind so auf lange Sicht gesehen nicht mehr in dieses Schema einzuordenen und die gegenseitige Verstrickung in eine Geschichte der Gewalt und der Schuld lässt sich nicht mehr eindeutig auflösen. Gerade wir als Deutsche, die wir zu recht unsere historische Schuld und unsere Rolle als Täter in der Geschichte kennen, stehen dabei in der Gefahr komplexe Konflikte immer wieder in dieses Schema einzuordnen. Ich schrieb bereits vor einiger Zeit, dass dies meiner Meinung nach unser Problem bei der Analyse des Syrien Konfliktes ist. Ich bin mir nicht sicher, ob heutige Befreiungstheologie (von der Volf sich hier abgrenzt) wirklich nur dieses einfache Schema kennt oder ob nicht neuere, komplexere Analysetools verwendet werden.

Ich würde übrigens noch einen Kanditaten nennen, der oftmals bei der Analyse von (nicht zuletzt innergesellschatlichen) Konflikten verwandt wurde: den Begriff der Entfremdung. Von Hegel über Marx (der Arbeiter ist bei der Arbeit von sich entfremdet) bis Adorno (und selbst indirekt bei Heidegger) spielt dieser Begriff eine zentrale Rolle bei der Beschreibung der modernen Gesellschaft. Entfremdung ist ein Schema, das im Zeichen der “Authentizität” steht und auch Prozesse der Vereinzelung im großstädtischen Leben erfassen kann. Es geht darum, dass einzelne Menschen oder ganze Gruppen sich fremd werden und ihre “Wurzeln” vergessen. Ein Beispiel, dass von Charles Taylor genannt wird, ist die französisch sprachige Minderheit in Kanada, die droht ihre kulturellen Wurzeln zu verlieren und sich der Sprache der Mehrheit anzupassen. Ein Problem bei dieser Sicht ist, dass es eine naive Sicht von einer ursprünglichen, unangetasteten Identität vorraussetzt, die es so nie gegeben hat.

Dagegen beschreibt Volf Prozesse der Exklusion. Exklusion ist nicht einfach, wie wir das geneigt sind zu verstehen, die Ausgrenzung von gesellschaftlicher Teilhabe. Ich verstehe Exklusion bei Volf als einen Prozess, der im Individuum beginnt und bis hin zu politischen Prozessen reicht. Um zu verdeutlichen was er damit meint, benutzt Volf das Extrembeispiel der “ethnischen Säuberungen”. In diesem Unwort kommt die Idee zum Vorschein, dass der Volkskörper verschmutzt ist durch die Anwesenheit eines anderen (einer Gruppe oder eines einzelnen), der als Dreck herabgewürdigt wird. Wir können also von einer Reaktion der Abstoßung reden, die ganz ähnlich wie die Abstoßung eines “fremden Organs” gedacht werden kann. Exklusion ist so ein relationaler Begriff, der Prozesse der Identitätsbildung in den Blick nimmt. Sollte ich Exklusion, wie ich sie bei Volf verstehe, definieren so würde ich sagen:

“Exklusion ist ein Prozess der Abstoßung des Fremden aus dem Selben, der eine Welt ohne den Anderen zum Ziel hat (soziale Exklusion), nachdem er ein Selbst ohne den Anderen konstruiert hat (Identität ohne Alterität).” 

Dabei sind jetzt noch nicht die Dynamiken und die Macht der Exklusion bezeichnet. Dies soll im nächsten Blogpost beschrieben werden. Aber vorher meine Frage: trifft eurer Meinung nach diese sehr knappe Definition in etwa das, was Volf unter Exklusion versteht oder bleiben da Teile seines Verstädnisses unberücksichtigt (oder verfälscht es gar Volfs Absichten)?

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