Miroslav Volf – Das “Allah” Thema

Dieser Thread, soll trotz der derzeit bei mir vorherrschenden Zeitnot (Examen in wenigen Wochen) meine lange Blogpause unterbrechen und gleichzeitig ein wenig der Nachbereitung des Studientags in Marburg dienen. Ich werde hier für Blogverhältnisse eine recht technische Diskussion um Miroslav Volfs Buch “Allah – A Christian Response” führen, der vor allem für diejenigen interessant ist, die entweder das Buch gelesen haben oder auf dem Seminar zum Buch in Marburg waren.

Ich habe drei wunderbare Tage beim Studientag Gesellschaftstransformation mit dem kroatisch-amerikanischen Theologen Miroslav Volf und sehr vielen sehr guten Gesprächen hinter mir. Und eigentlich waren die 3 Tage so mit positiven Eindrücken und Begegnungen gefüllt, dass es sich falsch anfühlt, jetzt hier zunächst etwas Kritisches zu posten. Ich war auch vorgestern wenig motiviert, in den Vortrag dem “Allah” Buch von Miroslav Volf zu gehen, weil ich fürchtete, hier nicht nur zustimmen zu können. Nachdem ich nun doch überredet wurde und mir nochmal ein paar Gedanken gemacht habe, möchte ich diese relativ schnell hier formulieren und posten, damit ich hoffentlich bald auch von den vielen positiven Eindrücken und Gedanken schreiben kann. 

Das Argument von Volf lautete in Kürze etwa so. Christentum und Islam sind zwei sehr große und dynamische Weltreligionen und ihr Verhältnis zueinander ist ein großes geopolitisches Zukunftsthema. Er bezog sich auf die Regensburger Rede vom Papst Benedikt XIV., in der der Papst davon sprach, dass das islamische Gottesbild einen Gott des reinen Willens betone (und deshalb die richtige Antwort darauf die Unterwerfung und eine politische Tendenz zum Autoritätsstaat besteht) und der christliche Gott ein Gott der reinen Vernunft ist (weshalb die richtige Antwort darauf die vernünftige Auseinandersetzung mit Gottes Wesen sei und eine Tendenz zur deliberativen Demokratie bestehe). Dieses Argument lässt sich durch einen einfachen Verweis auf die Kirchengeschichte erschüttern (und die kath. Kirche stellt ja selbst nicht gerade eine demokratische Institution dar). Aber Volf widersprach diesem Argument (uA als Mitverfasser des A Common Word Dokuments) heftig und – wie ich versuche anzudeuten – transportierte gerade deshalb die Grundannahmen von Benedikt XIV. weiter, nämlich, dass es ein Entsprechungsverhältnis von unserem Gottesbild (unserer Theologie) und der konkreten (politisch, sozialen, etc) Praxis vor Ort gibt, wobei der Theologie der Primat vor dem Leben vor Ort eingeräumt werden muss. Er fährt dann mit einen Argument fort, indem er fragt, ob die Sprache von Muslimen und Christen in Bezug auf Gott in die gleiche Richtung weist, ob also der Referent der Sprache der gleiche ist. Der Weg dies heraus zu finden, ist es sich die Attribute Gottes und die Gebote Gottes anzuschauen. Nach komplexen Auseinandersetzungen über die Trinität und das Doppelgebot der Liebe kommt Volf kurz gesagt zu dem Schluß: ja, beide Gottesbilder weisen eine so große Überschneidung auf,so dass man davon reden kann, dass beide Religionen auf den gleichen Gott verweisen. 

Jetzt geht es mir gar nicht darum, ob das der Fall ist (ich bin mir nicht mal sicher, ob man überhaupt davon reden kann, dass Religionen auf einen Gott verweisen), sondern ob dies die entscheidende Frage ist. Anders gesagt: auch wenn ich genauso wie Prof. Volf davon überzeugt bin, dass das Verhältnis von Islam und Christentum ein wichtiges Thema ist und auch bleiben wird, so frage ich mich, ob tatsächlich das Gottesbild einen gut geeigneten Startpunkt für versöhnendes Handeln zwischen Christentum und Islam darstellt. 

Ich möchte hier nicht, wie ich es auch versucht war, von der philosophischen Seite herkommen und fragen, ob es eigentlich wirklich einen Referenzpunkt hinter unserer theologischer Sprache gibt, der sich durch seine Attribute und Gebote auszeichnet, sondern über die grundlegende Strategie reden, die ich meine zwischen den Zeilen hier herauszuhören. 

In Exklusion & Embrace  spricht Volf von verschiedenen Strategien, mit Konflikten umzugehen. Darunter findet sich auch die “universalistische Option”. Er beschreibt dieses Versuch, den man in Deutschland vor allem mit dem Namen Habermas verbinden kann, so:

“Wir sollten die ungebremste Schwemme von Differenzen kontrollieren und die Verbreitung universaler Werte fördern – religiöse und aufklärerische Werte – die allein eine friedliche Koexistenz von Menschen garantieren können; die Bejahung von Differenzen ohne gemeinsame Werte wird zu Chaos und Krieg führen.” (Von der Ausgrenzung zur Umarmung, S. 18)

Diese Option, die er in dem Buch noch abzulehnen scheint, scheint er an dieser Stelle zumindest teilweise zu verfolgen. Es werden zwei abstrakte Größen konstruiert (das Christentum und der Islam), die dann auf eine gemeinsame Vorstellung von Gott zurückgeführt werden sollen, die die Vorraussetzung zur friedlichen Koexistenz darstellt. So ist ein Problem für mich das Konstrukt eines Glaubenssystem Islam oder Christentum. Übrigens scheint es ja heute eine übliche Strategie zu sein, zunächst zu betonen, dass es DEN Islam natürlich nicht gibt, um einen Satz später sofort wieder von DEM Islam zu sprechen, anstatt sich wirklich mit den historischen Strömungen des Islams zu befassen. Mit dem Heidelberger Religionswissenschaftler Michael Bergunder im Hintergrund würde ich argumentieren, dass sich religiöse Strömungen am besten als ein “diskursives Netzwerk” begreifen lassen. Das heißt, was eine Religion ausmacht (das “Wesen”, die “Wurzeln” oder die “Grundzüge” einer Religion) lassen sich nicht a priori feststellen, sondern das Wesen einer Religion ist immer wieder ein fluides Produkt von Aushandlungsprozessen. Das heißt auch, dass das Gottesbild im Islam nicht einfach von außen objektiv feststellbar ist, sondern immer wieder neu im Diskurs produziert wird. Würden wir jetzt von DEM Gottesbild des Islams sprechen, so handelt es sich dabei meiner Überzeugung nach um einen illegitimen Eingriff in die Identitätskonstruktionen des Islams. Und das wird ja gerne auch von deutschen Innenministern gemacht: zuerst konstruiert man im Anschluß an sogenannte moderate Kräfte (die gar nicht unbedingt einen großen Einfluss im islamischen Diskurs haben müssen) den eigentlichen Islam und spalten davon den sogenannten extremen Islam ab und marginalisiert ihn entweder indem wir ihm die Legitmität absprechen (die haben nur den Koran nicht richtig verstanden) oder indem wir politisch gegen ihn vorgehen. So hat also der Universalismus die Tendenz die historisch gewachsene Vielfalt von religiösen Positionierungen im Hinblick auf ein Kunstprodukt zu übergehen und so die Fluidität und Hybridität (also der Fakt, dass der Islam immer im Fluss ist und das er immer wieder auch von anderen nicht-islamischen Faktoren geprägt ist) zu wenig Beachtung zu schenken. Ich bin davon überzeugt, dass es im Angesicht dieser grundlegenden (=radikalen) Fluidität von Identitäten nicht um die Suche nach einem materialen Konsens (also Konsens in Bezug auf gemeinsame Sichtweisen und Wertverständnisse) gehen kann, sondern um die Fähigkeit, im Dissens versöhnte Beziehung zu leben. Oder anders: Konsens ist eben nicht die Bedingung der Möglichkeit zum Dialog, er ist nicht a priori herzustellen, sondern er ist das fragile und bruchstückhafte Ergebnis von versöhnten Beziehungen. Es geht also nicht primär um den Konsens der sich in gemeinsamen Erklärungen und runden Tischen abzeichnet (und dadurch immer wieder diejenigen exkludiert, die aus verschiedenen Gründen nicht teil haben an diesen Expertenrunden), sondern um den “formalen Konsens”, der sich in der Praxis vor Ort zeigt und darin besteht, trotz der tatsächlichen Unterschiede und trotz des Streits in der Sache die Beziehungen nicht abbrechen zu lassen. 

Zweitens möchte ich bei dieser Strategie die Frage stellen, wie weit sie wirklich führen kann. Hilft ein großer Konsens, was Werte oder was Gottesbilder angeht, wirklich bei der Bewältigung von Konflikten? Ich denke, dass das im Einzelfall zutreffen kann, aber im Großen und Ganzen etwas zu kurz greift. Prof. Volf hat dargestellt, dass er davon ausgeht, das unser Gottesbild unsere Werte prägt und unsere Werte unser Leben prägen. Er sagte durchaus vorsichtig, dass er nicht auf den genauen Zusammenhang zwischen diesen Größen eingehen möchte (und er sicher auch eine viel komplexere Sicht davon hat) aber immerhin musste man in diesem Vortrag mal ganz schematisch von einem Bild wie folgt ausgehen:

Theologie/Gottesbild -> Werte -> Leben

Es handelt sich dabei also tendenziell um ein top-down Modell von Theologie, bei dem der Primat bei der Theologie liegt und diese dann durch die Werte unser Leben prägt. So sehr ich als Theologe dieses Bild nachvollziehen kann, so würde ich doch aus religionswissenschaftlicher Sicht es genau anders herum sehen. Und dabei kann ich mich auch auf Prof. Volf selbst beziehen, der sagte: “Theologie ist eine nachrangige Reflexion über eine religiöse Lebensform”. Der Primat liegt also auf einer Lebensform, auf einer Art von Praxis, auf den Geschichten, die vor Ort erzählt werden, auf Praktiken und Ritualen, auf Gebeten und Liedern, auf ethnischen Konfliten vor Ort. Kurz: es geht nicht darum, wen das Wort “Gott” bezeichnet oder nicht bezeichnet, sondern wie es vor Ort verwendet wird und es geht nicht um eine Reservoir von Werten, die man vielleicht teilt, sondern wie diese vor Ort gelebt werden. Und das ist doch auch die Erfahrung, die viele vor Ort machen. Es geht bei den Konflikten um das Christentum und den Islam nur in den seltensten Fällen um wirkliche Theologie. Meistens geht es um die – aus theologischer Sicht – zu vernachlässigenden Details der Lebensführung. So ist im Falle der Aleviten der kurze Zusatz zum Glaubensbekenntnis “…und Ali sein Freund” eine theologisch wenig bedeutsame Information, die aber in den Konflikten einen  Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten kann. Ebenso geht es bei dem Kopftuchstreit nicht wirklich um eine theologische Auslegung des Islams, es geht um westliche Diskurse der Sexualität, der Emanzipation und um islamische Diskurse der Selbstbehauptung gegen einen säkularen Staat (wie die Türkei oder Frankreich) und um einen klassischen “Identitätsmarker”. Und bei den Konflikten um den Bau von Moscheen geht es nicht wirklich um die theologische Bedeutung von Moscheen, sondern um Ängste vor “Überfremdung”, um die Selbstbehauptung einer “westlichen Identität” und um Grenzziehungen. Nur sehr selten kommt es überhaupt dazu, dass ein solcher Konflikt überhaupt die Ebene des theologischen Diskurses erreicht. Und in diesen Fällen kann ich dann auch Miroslav Volfs Buch empfehlen, dass uns auch sprachfähig machen kann für einen theologischen Diskurs mit unseren muslimischen Freunden, aber ich denke tatsächlich das der Weg dahin viel länger ist und zunächst ganz andere Themen als die des Gottesbildes “dran wären”. Ich würde dafür plädieren, dass wir viel genauer auf unseren Kontext schauen und fragen, was für Konflikte gibt es denn in unserem Kontext heute und wie positioniert sich der Islam heute in Deutschland? Wenn für den Islam dasselbe gilt wie für das Christentum, nämlich, dass er zuerst Lebensform ist, bevor er Theologie wird, dann wäre die Frage wie heute die Vielfalt von islamischen Lebensformen aussieht, mit welchen Formen der Exklusion muslimische Menschen heute in Deutschland zu kämpfen haben (und! welche Formen der Exklusion sie selbst ausüben) und wie eine versöhnende und dennoch informierte Reaktion darauf aussähe. Ich denke dazu wäre zur Zeit ein Thema, sich genau anzugucken, welche Rolle “die Salafisten” zur Zeit im deutschen politischen Diskurs spielen. Was sind eigentlich Salafisten? Und was hat die Entstehung des Salafismus mit westlichem Kolonialismus zu tun (und inwiefern ist es also eine “moderne Bewegung”)? Auf der anderen Seite könnten wir gucken, wie der konservativ-christliche Diskurs funktioniert und wie hier Ängste vor Überfremdung geschürt werden. Weiterhin könnte man fragen, wie Strategien aussehen könnten, wie dieser Diskurs gestört werden könnte. Ich fand hier Volfs Verweis auf die “goldene Regel” ganz angebracht: gerade der eifrige Jesus-Nachfolger MUSS, wenn er von der Bergpredigt überzeugt ist, für die Freiheit von Andersgläubigen eintreten und jedes Schüren von Ängsten und Hass sollte als zutiefst häretisch gebrandmarkt werden. 

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2 thoughts on “Miroslav Volf – Das “Allah” Thema

  1. hoffnung für alle says:

    Sachstand:

    Nach dem Prinzip “Logik und Leben” ist der islamische Gott “Allah” “nicht” der Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs und der Vater unseres Herrn Jesus Christus.

    Logische Begründung:

    Wäre er ein “gemeinsamer Gott”, würde er es niemals zulassen, dass seine “islamischen” “Kinder” seine “christlichen” “Kinder” diskriminieren, entehren, erniedrigen, verfolgen, steinigen und in vielfältiger “Art” und “Weise” durch verschiedene “Tötungsmassnahmen” “umbringen”.

    (Quelle: – http://www.islaminstitut.de + “Open Doors”)

  2. arnachie says:

    Liebes Hoffnung für Alle, danke für den Kommentar. Aber das ist nun wirklich ein ausgeschlossen schwaches Argument. Hast du mal vom 30-jährigen Krieg, von Nordirland, vom 1. Weltkrieg, von Martin Luthers Verfolgung der Täufer gehört? Hast du dich mal im christlichen Bereich umgesehen wie stark man sich da gegenseitig diskriminiert und ausschließt? Das ist ein naturalistischer Fehlschluß: vom Sein aufs Sollen, genau nach dem Motto, wenn jemand krank ist, dann hat er wohl gesündigt.

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