Die Bibel als Offenbarung?

Wenn wir schon beim Thema Bibel und “Story” sind, will ich noch einen Aufsatz einfließen lassen, den der französische Philosoph Paul Ricoeur in Chicago gehalten hat und in dem er sich mit dem Anspruch der Bibel beschäftigt, Gottes Offenbahrung zu sein. Den Aufsatz kann man übrigens hier herunterladen und meine (englischprachige) Zusammenfassung kann man hier unten angucken.

Ricoeur spricht in dem Aufsatz sowohl zu seinen Kollegen, die der Philosophie zugetan sind als auch zu Theologen und versucht beide herauszufordern. Die Philosophen sollen den Anspruch aufgeben, dass die Vernunft eine unabhängige Instanz ist, die so etwas wie Offenbahrung nicht braucht. Die Theologen sollen die Sicht aufgeben, dass Offenbahrung irgendein Vorgang ist, bei dem Gott uns “senkrecht von oben” diktiert, was wir genau zu tun haben. Dazu beginnt Ricoeur mit der Beobachtung: die Bibel ist ein polyphones Buch. Die Bibel ist also ein Buch, in dem mehrere Stimmen, mehrere Melodien zu hören sind, die sich im Optimalfall ergänzen, manchmal aber auch für unsere Ohren wenig harmonisch klingen. Statt nun die einzelnen Autoren oder Bücher völlig getrennt voneinander zu betrachten, wie es die Wissenschaft oft tut oder die Unterschiede komplett niederzurollen und zu sagen: “Die Bibel sagt uns, dass”, verfolgt er einen dritten Weg. 

Ricoeur schaut sich die verschiedenen Genres der Bibel getrennt voneinander an und guckt jeweils: was bedeutet in diesem Genre der Ansspruch, dass die Bibel “von Gott offenbahrt” ist. Er nennt 5 Genres: das prophetische, das narrative, das preskriptive (das also mit Geboten zu tun hat), das weisheitliche und das hymnische Genre.

Ein Problem tritt auf, wenn man das Prophetische Genre in den Mittelpunkt stellt und sagt: so funktioniert Offenbahrung. Beim Prophetischen Genre geht es oft um die “doppelte Autorschaft” Gottes. Es geht also darum, dass hinter den Worten des Propheten die Worte Gottes zu finden sind. 

Stattdessen soll das “narrative” Genre in den Mittelpunkt gestellt werden. Hier geht es nicht darum, dass Gott der Autor der Erzählung ist, sondern es geht um “Gottes Spur in Schlüsselereignissen”. Was also das Buch Chronik zur Offenbahrung macht ist nicht, dass der Autor wortwörtlich von Gott die Worte diktiert bekam, sondern dass er in den Wirren der Geschichte Gottes Spur entdeckte. Es geht dabei besonders um Schlüsselereignisse wie den Exodus, das Exil, Kreuz und Auferstehung oder Pfingsten. Diese Ereignisse lassen sich nicht durch historische Forschung belegen oder wiederlegen, sie sind realer als Geschichte, weil sie noch heute das Gedächtnis einer Gemeinschaft und ihr Handeln prägen. So sind prophetische und narratives Genre miteinander verwandt, weil beide über gewisse Ereignisse sprechen. Wobei der Prophet für Ricouer (und das würde ich vielleicht nochmal genauer durchdenken) vor allem von dem einen kommenden Ereigniss spricht, dass den normalen Gang der Geschichte durchbricht und das ganz Neue bringt. 

Interessant sind Ricoeurs Ausführungen zum preskriptiven Genre oder zu den Gesetzen und Geboten der Bibel. Diese darf man nie völlig vom narrativen Genre lösen, sonst fügt man ihnen Schaden zu. So beginnen die Gebote mit “Ich bin der Herr dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat”. Die Gebote machen also nur Sinn im Licht einer bestimmten Story. Es sind nicht zeitlose, abstrakte Wahrheiten und Imperative, die wir schulterzuckend hinzunehmen haben. Sie sind wie die Worte eines Liebhabers, der den anderen auffordert “Liebe mich!”. Dies ist kein normaler Imperativ, sondern die Einladung zu einer neuen Art von Beziehung. Dabei ist geliebt werden ein schockierender Vorgang, der uns immer etwas abverlangt. Wir müssen immer unser Leben ändern und Teile von uns hergeben. So ist das Ziel des preskriptiven Genres nicht kopfloser, blinder Gehorsam, sondern ein verändertes Herz, dass uns ermöglicht “in Freheit zu lieben”. Und so stellt das preskriptive Genre unsere individuellen und institutionenellen Handlungen in das Licht der wichtigen Schlüsselereignisse. 

Ein anderes Genre ist das Weisheits-Genre, wobei hier Ricoeur (der sich sehr lange mit dem Problem von Schuld und dem Bösen in der Welt beschäftigt hat) sich vor allem auf Hiob und Qohelet stürzt und z.B. das Hohelied völlig ignoriert. Weisheit wurde in der Bibel oftmals als eine feminine Figur dargestellt, die in der Welt wirkt und an der der weise Anteil hat. Dies ist übrigens auch einer der Vorschläge, die Ricoeur der Theologie macht: warum nicht mal den Heiligen Geist als eine Kraft denken, die “dort draußen” am Wirken ist anstatt ihn zu sehr zu psychologisieren und nur vom Heiligen Geist “in uns” zu sprechen. Es geht für Ricoeur in der Weisheitsliteratur vor allem um Grenzsituationen, in denen Gott abwesend scheint und wir ungerechtfertigt leiden. “Dort wo Ethos und Kosmos auseinanderklaffen, lehrt uns die Weisheitsliteratur das echte Pathos”. Oder verständlicher gesagt: Dort, wo es eine spürbare Kluft gibt zwischen der Welt, wie sie sein sollte und der Welt, wie sie tatsächlich ist, lehrt uns die Weisheit wie wir auf richtige Art leiden. Sie erklärt das Leiden nicht, sie zeigt uns keinen Weg um das Leiden herum aber sie gibt uns die Worte um eine “Hoffnung trotz alledem” auszudrücken.

Zuletzt beschäftigt sich Ricoeur mit dem Hymnischen Genre. Hier, also v.A. in den Psalmen, redet man nicht mehr über Gott, sondern zu Gott. Offenbahrung heißt hier nicht, dass Gott die Psalmen verfasst hat, sondern, dass sie von Gott geformt und zu Gott passend sind. Das hymnische Genre ist auch nicht abzulösen vom narrativen, weil es die Schlüsselereignisse feiert und neu erzählt, so dass Gott dadurch gedankt wird. Das hymnische Genre gibt uns ein Vokabular, mit dem wir unsere Erfahrungen und Gefühle ausdrücken können, das aber auch unsere Erfahrungen formt und verändert. 

Zusammenfassend zeigt Ricoeur, dass die Form wichtig ist. Wir können nicht den Inhalt der Bibel von der Form trennen. “The medium is the message”. Es gibt also auch nicht die eine Offenbahrung der Bibel, sondern die Offenbahrung ist die Versprachlichung von Schlüsselereignissen, von der Kraft der Gebote, die uns ergreift und verändert, von den Erkenntnissen der Weisheit und von den Erfahrungen des Lobpreises. Es ist Gott, der einer Gemeinschaft den Sinn gibt. Es ist nicht eine Institution oder ein Gremium, dass den objektiven Sinn der Bibel ein für alle mal erkannt hat und nun managen kann. So kommt Ricoeur zu einer Sicht der Bibel, die weder völlig naiv die Bibel nur als ein göttliches Gesetzbuch liest, noch die Bibel nur hyperkritisch die Bibel “tot-analysiert” und ihr jegliche Offenbahrung abspricht. Stattdessen zeigt er den Weg zu einem “post-kritischen” Bibelverständnis auf, bei dem der Leser sich der Bibel öffnet, um sich selbst und die Welt in einem neuen Licht zu sehen. 

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7 thoughts on “Die Bibel als Offenbarung?

  1. Walter Faerber says:

    Gefällt mir – danke für die Zusammenfassung! Wobei ich mich frage, wen Ricoeur im Sinne hat, wenn er sagt, "die Theologen" sollten aufhören, Offenbarung als göttliches Diktat zu beschreiben. Klar gibt es auch heute noch solche Vorstellungen, und in USA sicher noch stärker. Aber mindestens in meiner volkskirchlichen Umgebung ist das längst obsolet, da fällt man viel eher auf der anderen Seite vom Pferd.Noch zu den verschiedenen Genres: Die Verknüpfung von Prophetie und Geschichte zu einer prophetischen Geschichtsschreibung, die in den Wirren der Geschichte Gottes Spuren sieht, finde ich z.B. im deuteronomistischen Geschichtswerk (so es das geben sollte) sehr deutlich am Werk. Und die Weisheitstradition lässt sich ganz gut verstehen als eine vielgestaltige Lektüre des Alltagslebens aus dem Geist des Schöpfungsglaubens (Sprüche) bzw. ein treues Festhalten an ebendiesem Geist in der chaotischen Umgebung des eindringenden Hellenismus, in dem die Prophetie verstummte (Kohelet).

  2. Arne Bachmann says:

    Moin Walter,freut mich, dass es gefällt. Die Kritik richtet sich im Original gegen ein "authoritarian and opaque concept of revelation". Ich denke, er hat damit 2 Gegner im Visier:zum einen – und das darf man als Protestant nie vergessen – das Theologie Verständnis der Römisch Katholischen Kirche oder zumindest von manchen Teilen. Und diese spielt ja in Frankreich nochmal eine größere Rolle als hier und das erklärt sicher auch, dass selbst Philosophen, die aufgeschlossen gegenüber "dem Religiösen" sind, eher Abstand von Kirche und Theologie nehmen. Der andere Gegner könnte Barth sein, den ja Bonhoeffer und andere gerne einen Offenbahrungspositivismus vorwerfen, in dem zumindest das "deus dixit" und das "senkrecht von oben" in so autoritäre Sprache gehüllt ist, das ein interessierter Philosoph sich nicht mehr bemüht, tiefer in Barths Denken einzusteigen und auch emanzipatorische Seiten an ihm zu entdecken.

  3. Arne Bachmann says:

    Achja: bei den Genres gebe ich dir recht: teilweise vereinseitigt er wiederrum die "Polyphonie" innerhalb der Genres. Also gerade seine Gleichung: "Prohetie = Ansage des Weltendes" ist mir zu einseitig. Deine Lesart zu Kohelet klingt interessant, zumal ich das Buch Kohelet als das unseren Zeitgenossen unmittelbar zugänglichste Buch der Bibel halte. (Muss ich vielleicht irgendwann mal zu posten, aber mich interessiert deine Sicht auf Kohelet sehr. Wennde mal dazu kommst, die zu entfalten, wäre ich sehr dankbar).

  4. Walter Faerber says:

    Ok, ein Philosoph aus einem katholisch geprägten Land, das gegen die etablierte Kirche revolutioniert hat, redet in USA, möglicherweise im Angesicht der religiösen Rechten – das macht Sinn! Endlich mal ein Augenblick, wo ich gerne deutscher Protestant bin ;-).Über Kohelet können wir mal reden, wenn wir uns sehen (im Moment komme ich noch nicht mal mit meinem NT-Wright-Pensum voran). Aber ganz kann ich mich bei Kohelet doch nicht zurückhalten, weil ich ihn mag. Deshalb nur in Kürze: Ich würde Kohelet historisch in der Zeit der ägyptischen Ptolemäerherrschaft über Israel verorten, als eine massive Monetarisierung einsetzte und die sozialen Verhältnisse auf breiter Front ins Rutschen kamen. Damals wurde das Fundament für das Palästina Jesu mit seinen Großgrundbesitzern, Zolleinnehmern und Tagelöhnern gelegt. Die ältere Weisheit hatte darauf keine Antworten, weil die Welt chaotisch geworden war, in gewissem Sinn erstmals global (im hellenistischen Kulturraum). Insofern gibt es da wirklich Parallelen zur Gegenwart. Man muss an Kohelet würdigen, dass er all den Selbstdarstellern und Projektentwicklern nicht auf den Leim gegangen ist, sondern in immer neuen Anläufen ihre Hohlheit beschreibt. Er wusste, warum er lieber ins Haus der Opfer als auf den Opernball gegangen ist. Er hat aus der älteren Weisheit so etwas wie eine meditative Grundhaltung bewahrt und sie in anderen Zeiten festgehalten. Sie erlaubte ihm, sich der Faszination der damaligen Bankerkultur zu entziehen. Ich liebe seine Sätze wie "Wie das Krachen der Dornen unter den Töpfen, so ist das Lachen der Toren". Das ist eine ganze Menge an Widerstand.Seine Grenze ist, das er in einer Zeit des Schweigens Gottes gelebt hat. Dafür kann er nichts. Die Prophetie war verstummt, es gab keine Lösung für die Misere. Die Frage blieb bis zur Zeit Jesu offen. Kohelets Größe und Grenze zugleich ist, dass er die Frage einfach offen hielt und nicht zu Scheinantworten (zB pharisäischer oder zelotischer Coleur – aber die gab es ja da noch gar nicht) griff, die die Sache nur noch schlimmer gemacht hätten.Das Problem bei Kohelet entsteht, wenn er ahistorisch theologisiert wird (also nicht im Rahmen einer Geschichte, sondern als Lehre verstanden wird): dann wird aus seinem Standhalten in der Lösungslosigkeit die Behauptung, es gäbe nie eine Lösung und dürfe sie auch nicht geben. Ich denke, dass Kohelet selbst die Balance gehalten hat – auch wenn man bei ihm sehen kann, dass (wenn wir von Gefahren sprechen wollen) der Schritt von der aufdeckenden Klarheit zur Resignation nicht weit ist. Und der nächste Schritt wäre dann das zynische Mitmachen. Aber, wie gesagt, Kohelet selbst hält die Balance. Ich denke, dass er das schafft, weil er eben doch aus seiner Tradition noch den lebendigen Gott kennt, auch wenn der aktuell verstummt zu sein scheint. Aber der leere Raum, den Kohelet für IHN freilässt, redet auch.

  5. karola says:

    danke @walter! ich mag den kohelet sehr und nachdem, was du geschrieben hast, mag ich ihn noch mehr 🙂

  6. Walter Faerber says:

    @Karolasehr gerne :-))

  7. karola says:

    was ich mich immer wieder+ mittlerweile auch häufiger frage: was macht denn die bibel zu einem dezidiert göttlich-inspirierten buch? sind die prophetische, die narrative, die hymnische perspektiven … nicht auch in den indischen vedas oder anderen "heiligen" schriften zu finden, und heißt das dann nicht folgerichtig, dass gott durch diese ebenso spricht, bzw. sprechen kann?

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