Die Bibel als “wiki-stories”

Seit dem letzten Post bin ich auf ein Buch aufmerksam geworden, dass ich eine kompakte Moment-Aufnahme von dem geben will, was im englischsprachigen Raum unter dem Stichwort “Emerging” abläuft. Es heißt “Church in the present tense. A candid Look at What’s Emerging” und neben den Herausgeber und (analytische) Philosophie Professor Kevin Corcoran schreibt hier der irische posstrukturalistische Denker Peter Rollins, der pragmatische Vineyard Pastor Jason Clark auch der postevangelikale Exeget Scot McKnight. Letzterer schrieb einen Artikel über das (/ein) Bibelverständnis in der Emerging Conversation, dass sich auch als eine Antwort auf meine Anfragen im letzten Post lesen lässt.

McKnight beginnt mit einer Auflistung, wie man seiner Meinung nach oftmals die Bibel liest.

Man liest sie z.B. als Gesetzbuch, indem man fragt “Was soll ich tun?” und nach konkreten Imperativen guckt.

Oder als ein Buch, aus dem man persönliche Hoffnung rauszieht, indem man fragt “Sag mir etwas nettes!” und nach sogenannten Verheißungen schaut. 

Oder man geht mit der Bibel wie mit einem Rohrschach-Test um, indem man nach Bestätigung in der Bibel sucht und seine eigenen Wünsche und Ängste in die Bibel projeziert. 

Dann kann man die Bibel als ein großes Puzzel lesen, dass man zu einem kompletten System zusammensetzen muss, indem man die große Idee hinter den Texten sucht.

Zuletzt lässt sich die Bibel durch die Augen eines bestimmten Person lesen, sei es durch die Augen von Paulus, Jesus, Luther, Augustinus oder eben N.T. Wright. Dabei fallen auch Texte heraus, die nicht zu dem großen Bild dieser Theologen passen.

McKnight fährt dann mit Gedanken über die Sprachlichkeit der Bibel fort (linguistic turn), die ihm zu der Aussage bewegen, dass wir die eine Wahrheit über Gott und die Bibel niemals zur Artikulation bringen können. 

Er schlägt vor, die Bibel als eine Sammlung von “wiki-stories” zu lesen. Dieses Bild, dass für mich etwas zu sehr gewollt und anbiedernd wirkt, soll besagen, dass die Bibel eine gemeinschaftsarbeit wie Wikipedia ist, in der verschiedene Perspektiven und Hintergründe zusammenkommen und die jeweils versuchen aus ihrer Perspektive und mit jeweils verschiedenen Genres zu beschreiben, was die “große Story” ist, die Gott mit der Menschheit verbindet. Der Punkt ist, dass diese verschiedenen fragmenthaften Stories jeweils zwar ein Echoe der großen Story wiedergeben, aber niemals das ganze Bild zeigen. Oder wie McKnight es ausdrückt: “God needed a variety of expressions to give us a fuller picture of the Story”. Ein weiterer Schritt besteht darin, dass wir diese kleinen Wiki-Stories in eine Reihenfolge setzen, dass wir aus ihnen einen plot formen. Und das ist der Punkt, den ich unterstreichen will: dieser Plot ist immer unser Versuch eine Rekonstruktion, es ist nicht DER Plot. Wir müssen uns auf die biblischen Wiki-Stories einlassen, genau zuhören und lesen, so dass diese Stories zu unserer Story werden. Und weil unsere Versuche, den einen großen Plot zu finden immer fehlerhaft sind, weil es immer wieder stories gibt, die nicht ins Bild passen, sind wir davor gewarnt, unsere Versuche des “emplotments” zu verabsolutieren. So bleiben wir auch von Gott und seinem Wirken abhängig, der uns immer wieder neue, überraschende Seiten der Story zeigen kann. 

Mir sind an diesem Konzept noch nicht alle Seiten klar. Zum Beispiel: was macht uns denn sicher, dass es eine einzige große Story gibt, wenn wir sie eh nie artikulieren können? Und: es gibt neben den narrativen Genre, dass sicherlich das größte in der Bibel ist, noch andere Genres (Weisheitliches, Hymnisches, Gesetze, Prophetie), diese Genre erzählen nicht in gleicher Form eine Geschichte, wie es im narrativen Genre passiert. Inwiefern ist trotzdem für diese Genres der Begriff der Story angebracht? Dennoch finde ich McKnights Vorschlag- wenn man ihn weiter ausbaut – sehr gut, da er es erlaubt, die Bibel narrativ zu lesen ohne immer schon den großen Plot zu kennen und weil er einlädt, selbst in seiner Zeit eine neue Version des plots zu suchen ohne diese als letzte Wahrheit ausgeben zu müssen.

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6 thoughts on “Die Bibel als “wiki-stories”

  1. bmk says:

    Hallo Arne,nettes neues Blog. Das Design lädt zum Lesen ein =)Eine Frage habe ich zum aktuellen Beitrag: Was meint posstrukturalistisches Denken?LG, BMK.

  2. Daniel says:

    Danke für’s zusammenschreiben und damit in Zusammenhang setzen.

  3. Arne Bachmann says:

    Hallo Manni (?),man könnte sagen, dass Peter Rollins versucht neuere kontinentale Philosophie zu verarbeiten (ab Nietzsche und Heidegger). Posstrukturalismus ist eine Etikette, die für bestimmte – meist französische – Denker, die sich oft auch Heidegger und Nietzsche und besonders auf einen schweizer Sprachphilosophen Ferdinand de Sausure beziehen, geprägt wurde. Ich hab das versucht unter der Rubrik "Hintergrund" kurz anzudeuten. Themen des Posstrukturalismus sind oftmals die Sprache und die symbolische Ordnung in die der Mensch eingebettet ist (soziale geschriebene und ungeschriebene Regeln, Institutionen), das ethische Verhältnis zum "ganz Anderen" (das rätselhafte, nicht einzuordnende in mir, in anderen, in der Welt und in Gott) und die Frage, wie in Strukturen etwas neues entstehen kann (deshalb das POST).Moin Daniel,ja das Buch recht vielfältig, kurzweilig und auch ein bisschen kontrovers. Viellecht werde ich noch Sachen draus posten.

  4. bmk says:

    Danke Arne.

  5. Dirk says:

    Toller Eintrag!

  6. karola says:

    ein blick auf die bibel als ehemalige sammlung einzelner handschriften kommt diesem narrativen veständnis, das viele aspekte offen lässt und eben nicht die EINE große story beschreibt doch recht nahe. vielleicht trügt die selbstverständliche verfügbarkeit eines gedruckten buches uns auch in der interpretation seines inhalts? die erste erhaltene vollbibel stammt, soviel ich weiß, aus dem 8. jahrhundert (codex amiatimus). ich könnte mir vorstellen, dass die menschen vor dieser zeit auch ensprechend uneinheitlich über die bibel (bzw. die vorliegenden verschiedenen handschriften) gedacht haben.

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