Das Problem mit “story theology”

Im emergenten Dialog hört man oft die Forderung, die Bibel wieder narrativ zu lesen. Damit ist gemeint, die Bibel nicht als ein Gesetzbuch zu lesen, in dem sich zunächst Verhaltensaufforderungen finden und auch nicht als Lehrbuch, in dem sich abstrakte Lehrsätze über die Geheimnisse der Welt, des Lebens und Gott finden außerdem soll sie auch nicht zuerst als Poesiebuch gelesen werden, dass uns innerlich erwärmt, weil sie über die Erfahrungen redet, die doch “allen Menschen gemein” sind.

Nein, zuerst sollte die Bibel – so lautet die Idee – als eine große Geschichte gelesen werden, in der wir uns befinden; eine Geschichte, die sich vor unseren Augen entfaltet und uns dadurch sagt, wer wir sind und worauf alles hinausläuft. Eine Story aber auch, die uns jetzt zum Handeln ermutigt, die uns jetzt in eine Gemeinschaft stellt, die “anders leben” soll und die ihre Identität auch aus der Story zieht. 

So oder so ähnlich hört sich die Idee einer narrativen Theologie (die zB auch N.T. Wright vertritt) oft an und ich habe große Sympathien dafür. Nur finde ich, dass eine solche Theologie noch wesentliche Punkte nicht durchdacht zu haben scheint (zumindest finde ich solche Arbeiten bisher noch nicht). 

Ein Philosoph, der wie kein anderer die Bedeutung von Narrativen für unsere Identität und unser Leben erforscht hat, ist Paul Ricoeur. Dieser schreibt auch über den Versuch einer narrativen Theologie in einem Aufsatz “Toward a Narrative Theology”. Dort erkennt er zwar die Notwendigkeit einer solchen Theologie an, aber er zeigt auch klar die Probleme auf, die eine solche Theologie im Vorfeld zu klären hätte. Das wichtigste Problem, ist das Problem der “Heilsgeschichte” oder der “heiligen Geschichte”. Die Versuchung liegt nahe, einen großen Bogen zu spannen von der Schöpfung bis zur Johannesoffenabhrung und eine große Linie zu ziehen. Doch wenn man eine solche Linie zieht, neigt man dazu alle Abweichungen, alle “kleinen Stories”, die nicht zu der synthetischen Großstory passen, einzuebnen indem man sie entweder ignoriert, delegitimiert oder harmonisiert. 

Diese große Geschichte

“tendiert dazu, die Ränder, die Gefahren, das Scheitern und den Schrecken der Geschichte für den tröstlichen Überblick aufzuheben, den die göttliche Vorsehung mit ihrer großen Geschichte schenkt. Die Harmonie siegt schlußendlich über allen Missklang.”

So weiß man immer schon, wie die Geschichte ausgehen wird. Man weiß immer schon, dass das Gute triumphieren wird. Man weiß vor allem immer schon, worum es eigentlich in der Bibel geht. So ist zunächst nicht klar, wie der große rote Faden, den man meint in der Bibel zu entdecken, sich zu dem verhällt was Ricoeur die Polyphonie der Texte nennt. Er ist der Meinung, dass es immer wiederständige Texte gibt, die unseren künstlichen großen Rahmen sprengen und “gefährliche Erinnerungen” (J.Baptist Metz) wachhällt. Nicht zuletzt ist Gott nicht nur der Gott der diese Geschichte irgendwie garantiert, sondern gleichzeitig der Gott, der nicht in diese Geschichte zu integrieren ist und diese so sprengt. 

Und eine weitere wichtige Frage stellt sich bei der herangehensweise: was ist der Zusammenhang zwischen “Story” und “History”? Was ist der Zusammenhang zwischen dem großen roten Faden und unserer alltäglichen profanen Geschichte? Ist Gott der Urheber der arabischen Revolution? War der Mauerfall ´89 ein heilsamenes Eingreifen Gottes? Aber was ist dann mit dem einen Ereignis, dass – wie es scheint – von keiner Vorhersehung, von keinem großen Plan mehr gesühnt werden kann? Was ist mit Ausschwitz? Was ist aber auch mit all den anderen Versuchen, bei denen Menschen geopfert wurden für das größere Wohl der Menschheit oder für ein zukünftiges “Heil”?

Mit diesen Fragen müsste man sich beschäftigen, bevor man anfängt über die große Story der Bibel zu reden. Und diese Auseinandersetzung scheint noch auszustehen.

Aufsatz von Paul Ricoeur: Toward a Narrative Theology: Its Necessity, Its Resources, Its Difficulties, in: ders. Figuring the Sacred. Religion, Narrative and Imagination, Minneapolis 1995, S. 236 – 249. 

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5 thoughts on “Das Problem mit “story theology”

  1. Walter Faerber says:

    Ich denke, es ist ein Unterschied, ob der Oberhofprediger seinen Zuhörern versichert, dass das Gute schlussendlich triumphieren wird, oder ob ein landloser Campesino sich und seine Leute damit aufrichtet. Und dann auch noch alle dazwischen. Das unter der Überschrift der Großstory in einen Topf zu werfen, ist unsachgemäß. Wenn du Auschwitz erwähnst: diejenigen, die es geschafft haben, in den KZs zu überleben, waren oft die, die Teil einer durch eine gemeinsame Großstory verbundenen Gemeinschaft waren, wie die Kommunisten z.B. Oder wie Viktor Frankl, der überlebt hat, indem er sich eine neue Story erzählt hat.Müsste man nicht eher sagen, dass gerade die Großerzählungen heute zu den verbotenen, gefährlichen und sprengenden Erinnerungen gehören? Wenn Verwirrungsagenturen (wie – nur als Beispiel – die Initiative neue soziale Marktwirtschaft, Springer oder Murdoch) strategisch und langfristig daran arbeiten, das Bewusstsein der Menschen zu fragmentieren und sie von ihren Erfahrungen und Geschichten zu trennen, dann sollten wir die subversiven Gesamtstories erst recht erzählen.

  2. Arne Bachmann says:

    Hallo Walter, danke für deinen Beitrag!Ich hab den Eindruck, dass es allein der Kommentar schon rechtfertigt, dasss ich diesen Post erstellte! Das ist gut, diese Kritik aus einer anderen Perspektive zu sehen. Übrigens vermute ich, dass Slavoj Zizek ähnlich argumentieren würde: ohne so etwas wie ein Ausblick auf das Universelle gibts keine wirkungsvolle Kritik. Und deshalb halte ich auch Zizek für einen – mit Vorischt zu genießenden – Ausweg aus den Aporien des postmodernen Denkens. Doch zuerst muss man in diese Aporien hinein. Zuerst muss man die Theologie destabilisieren und die Gefahr nochmal darstellt, die ein Totalitätsdenken darstellt. Ich denke, dass ist schonmal gut zu sagen: es kommt dadrauf an, wo und wie die Geschichte erzählt wird; wie sie also vor Ort wirkt. Aber ich würde immer noch sagen: dire Herausfoderung bleibt: wie könnte Eschatologie gedacht werden ohne "Design" ohne also einen großen Masterplan, der sich mit 100%iger Sicherheit entfaltet. Wie könnte also auch Eschatologie funktionieren ohne den metaphysischen Gott, der als allmächtiger, unbewegter Beweger / Strippenzieher die Fäden in den Händen hält. Wie also von Gott und Eschatologie so reden, dass er selbst Teil der Story ist und nicht der allwissender Erzähler. Das wäre vielleicht der Unterschied zwischen Lyotards Metanarrativen und der christlichen Großerzählung: die christliche Erzählung ist mit dem Risiko behaftet. Wir wissen nicht schon immer, wie alles ausgeht. Wir reden von etwas, dass mit normaler Sprache nicht mehr zu fassen ist und deshalb haben wir nicht die Sicherheit, die uns eine Metanarrative gibt, die uns "wissenschaftlich" belegt, worauf alles hinauslaufen wird.

  3. Walter Faerber says:

    Danke – jetzt klärt sich für mich das Ganze doch etwas auf. Ich gebe deine freundliche Worte gern zurück! Ich kenn mich mit Lyotard usw. nicht so aus und muss das ein bisschen durch deine Worte begreifen.<div>Ich würde die Passion Jesu als Muster sehen, nach dem prinzipiell auch die Rolle Gottes in der Eschatologie gedacht werden müsste: Jesus geht ohne Masterplan nach Jerusalem, er weiß nur das, was ein klarer politischer Denker im Grunde vorher wissen kann: ich greife an, und die werden sich wehren. Dass das auch Gewalt einschließen würde, war in den damaligen Umständen selbstverständlich. Also, die Akteure und ihre Interessen sind übersichtlich. Aber Jesus weiß von einem Akteur mehr, der im Spiel ist: Gott. Auch da nicht im Sinne eines Drehbuchs, sondern: der ist so und so, und er ist auf meiner Seite. Wie alle guten Juden jener Zeit glaubte er, dass Gott ihn irgendwie rechtfertigen würde (das war jetzt NT Wright). Wie das gehen würde – ich denke, dass Jesu das bis zum Schluss nicht wusste oder nur andeutungsweise ahnte (aber das habe ich in &quot;Jesus and the victory of God&quot; noch vor mir, da bin ich gespannt drauf).</div> <div>Ich denke nach diesem Modell: kein Masterplan, aber bekannte Akteure mit bekannten Interessen, Charakteren und Verhaltensweisen, deren Schachzüge man sich ein Stück weit denken kann, die aber immer für Überraschungen gut sind – so kann man auch die Eschatologie verstehen. Ich finde übrigens, dass z.B. Tolkien diese Balance in seinen Romanen gut hält.</div> <div>Aber eigentlich vertritt doch schon seit Urzeiten kein ernstzunehmender Mensch mehr ein – materialistisch, fortschrittlich oder biblisch gewonnenes – Geschichtsbild, in dem das Ganze nach einem übersichtlichen, vorhersagbaren Schema abläuft. Vielleicht ist mir da was entgangen. Aber wer sich heute noch (von welchem weltanschaulichen Hintergrund aus auch immer) auf Zeugen-Jehovas-Niveau begeben will, schießt sich doch selbst ins Knie. </div> <div>P.S. Ich sehe gerade deinen Kommentar auf Tiefebene (<a href="http://tiefebene.wordpress.com/2011/07/16/nt-wright-das-neue-testament-und-das-volk-gottes-3-3/#comment-2933">http://tiefebene.wordpress.com/2011/07/16/nt-wright-das-neue-testament-und-das-volk-gottes-3-3/#comment-2933</a&gt😉 – da schreib ich morgen noch was zu.<br> <br></div>

  4. Peter Aschoff says:

    Gute Diskussion. Meine paar Gedanken dazu: Ich verstehe Ricoeur analog zu Lytoard und es hat ja tatsächlich heilsgeschichtliche Theologien gegeben (vor allem im 19. Jahrhundert), die diese Warnung zu Recht trifft. Bei Wright sehe ich die Gefahr weniger. Er spricht ja noch lieber von einem Drama, bei dem wir wie im Improtheater mitwirken können. Also gerade kein minutiöses "Drehbuch", sondern lebendige, sogar in Teilen spontane Interaktion. Man kommt aber umgekehrt ja nicht daran vorbei, dass der Dramaturg eine Vorschau auf das Ende der Handlung gibt, während diese noch andauert. Das ist ja die theologische Bedeutung der Auferstehung für die Heils- wie die Universalgeschichte. Und nachdem im Zentrum der Offenbarung der leidende Christus bzw. der sich erniedrigende Gott steht, unterscheidet sich das von allen "imperialistischen" Geschichtsdeutungen wie auch vom Versuch, spekulativ zum Ende der Geschichte zu hüpfen. Das liegt vor allem am Zeitbegriff, der hier (wie Moltmann sagt) im Modus des "Advents" funktioniert, also nicht eine Verlängerung der Linien aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft hinein, sondern immer in Erwartung des völlig Neuen und ganz anderen, um es mal wieder barth-like zu sagen.

  5. Arne Bachmann says:

    Hallo Peter, ich denke der Unterschied zu Lyotard ist, dass Ricoeur die Narrativen ja prinzipiell sehr schätzt und auch wie kein anderer Philosoph zur Bedeutung von Narrativen für die eigene Identität aber auch für die Geschichte und für kollektive Identitäten erforscht hat. Das andere ist, dass Ricoeur auch wie kaum ein kontinentaler Philosoph richtig belesen in den theologischen Disussionen war. Er hat das zwar nicht systematisch gemacht sondern ,wie ein guter Hermeneutiker, immer wenn ihm ein interessantes Buch in die Hände kam dann hat er es halt gelesen von AT Exegese bis zur praktischen Theologie. Intensiver hat er sich mit Pannenberg beschäftigt, den er auch explizit mehrmals nennt. Und tatsächlich ist auch Pannenberg gar nicht so weit weg davon, eine systematische Form von Wrights Exegesen zu liefern. Und wenn man so will, hier ist die große Frage, wie man ihn versteht. Betont man stärker die Gewißheit, die einem die Prolepse/die Auferstehung verschafft oder betont man stärker das Fragmentarische Element, wenn man sagt: die ganze Gegenwart ist noch nicht abgeschlossen, die Erlösung ist NOCH NICHT ganz erfüllt etc. Ich denke noch sichtbarer wird das Problem bei der Rede von "Gottes Plan für dein Leben", die ja in evangelikalen und pfingstlichen Kreisen rumgeistert. Ist es ein Plan wie ein Fahrplan, bei dem man wenn man nicht rentzeitig da ist, etwas verpasst oder ist es ein Plan wie ein Masterplan, bei dem man nur ein Spielball Gottes ist? Oder müssen wir von einer offenen Zukunft ausgehen, die Gott in Kooperation mit uns angeht? Aber dann handeln wir uns wieder andere Probleme ein.

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