Liebe – gegenseitig / einseitig

Ich lese gerade einen Aufsatzband von Paul Ricoeur “Figuring the Sacred”, in dem Aufsätze von Ricoeur zu verschiedenen Fragestellungen gesammelt sind, die lose mit Theologie oder Religionsphilosophie zu tun haben.

Einer davon bringt ganz prägnant ein Problem zum Ausdruck, dass überhaupt im Nachdenken über Beziehungen zwischen Menschen heute immer wieder auftaucht: sollen Beziehungen auf Gegenseitigkeit (Symmetrie) hinauslaufen oder müssen sie um echte Beziehungen zu sein, mit einer radikal einseitigen (Asymmetrie) Geste vollzogen werden. Ricoeur nennt diesen Gegensatz den Gegensatz zwischen der Poesie (nicht im ktischigen Sinne – denn Poesie ist für Ricoeur die Funktion von Sprache, die neue Möglichkeiten eröffnet) der Liebe und der Prosa der Gerechtigkeit. Oder auch der Konflikt zwischen der “Logik der Kongruenz” und der “Logik der Überfülle”. 

Ricoeur demonstriert das am Beispiel von der Feldrede in Lukas 6, in der beide Logiken auftauchen. Zum einen gibt es die Goldene Regel: Was du dir von andernen erhoffst, das tue ihnen auch. Diese Regel hat zumindest eine zukünftige Gegenseitigkeit vor Augen: zwar bin ich es, der die Initiative ergreift, aber in der Hoffnung auch zukünftig von der Beziehung in der gleichen Weise zu profitieren. Und so gibt es hier immer die Möglichkeit einer “perversen” Interpretation. Diese interpretiert die Regel utilitaristisch: man kalkuliert ganz kühl, dass man jetzt zwar in eine Beziehung “investieren” muss, aber nur um dann später einen Gewinn von dieser zu haben. Viele Beziehungen drohen in eine solche berechnende, “merkantile” Logik abzurutschen, in der aufgerechnet wird, was die jeweilen Personen in eine Beziehung “investiert” haben.

Diese Logik wird aber noch im selben Kapitel untergraben: 

Lukas 6, 31ff: Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, was für Dank habt ihr davon? Denn die Sünder tun das auch. Und wenn ihr leihet, von denen ihr hoffet zu nehmen, was für Dank habt ihr davon? Denn die Sünder leihen den Sündern auch, auf daß sie Gleiches wiedernehmen. Vielmehr liebet eure Feinde; tut wohl und leihet, daß ihr nichts dafür hoffet, so wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig über die Undankbaren und Bösen.

Hier zeigt sich die Logik der Einseitigkeit, die Logik der Überfülle. Es sollen nicht nur die geliebt werden, von denen etwas zu erwarten ist, sondern bedingungslos. 

Nur wie passen diese beiden Logiken zusammen? Wie passt Liebe und Gerechtigkeit zusammen? Wie passt Einseitigkeit und Gegenseitigkeit zusammen? Hier macht Ricoeur einen weiteren Vorschlag: die Liebe nimmt immer die Form der Gerechtigkeit an, die Einseitigkeit zeigt sich immer im Rahmen von Beziehungen, die auf Gegenseitgkeit angelegt sind und auch radikale Feindesliebe pflegt die Hoffnung, das eines Tages diese Liebe erwiedert werden könnte. Der Ruf zur Einseitigkeit durchbricht und irritiert unsere kalkulativen Beziehungen, aber nicht im Sinne eines masochistischen Ideals der Selbstauflösung am Anderen.

Was denkt ihr? Überzeugt euch der Vorschlag? Seht ihr überhaupt das Problem? 

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2 thoughts on “Liebe – gegenseitig / einseitig

  1. Karo says:

    Hi Arne,ich bin mir nicht sicher, ob ich aus deinem Text heraus wirklich verstanden habe, was Ricoeur mit seinen beiden Logiken zu beschreiben versucht. Aber ich habe darüber schon so viel diskutiert und nachgedacht, dass ich trotzdem meine Gedanken zum Thema "aufopfernde Beziehungen" anbringe.Ich glaube, dass auch eine aufopfernde Beziehung einen Gewinn mit sich bringt.Der ist zwar vielleicht objektiv betrachtet nicht unbedingt erstrebenswert, aber für den selbstlos handelnden Menschen wichtig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass all jene, denen das "Helfer-Syndrom" neachgesagt wird, nur helfen, weil sie sich von den zunächst Profitierenden Dank erhoffen oder weil sie an eine Belohnung durch eine transzendente Instanz glauben. Ähnlich muss man sich fragen, warum so viele Zweierbeziehungen trotz Überdruss oder gar Gewalt weitergeführt werden.Es muss irgendetwas anderes geben, was es für den Menschen hochgradig erstrebenswert macht, Beziehungen einzugehen, auch wenn sie nicht lohn- oder erfolgsversprechend sind. Ich glaube: Beziehungen helfen bei der Selbstdefintion. Wenn man in einer Beziehung der Gebende ist, kriegt man zwar vielleicht – wissend – keinen Lohn vom Geliebten, aber doch eine Aufgabe. Wenn das tatsächlich selbstaufopfernde Züge trägt, ist es vielleicht von außen betrachtet nicht "gesund", aber doch für den Helfenden selbst wichtig. Ich glaube, dass es z.B. auch ein großer Antrieb für ehrenamtliches Engagement ist, dass es eine Aufgabe gibt.Ich glaube also, dass es nicht unbedingt einen Widerspruch zwischen den beiden Logiken gibt, wenn man den "Gewinn" nicht nur als Lohn des Gegenübers begreift. Sondern das Beziehungen-Eingehen an sich ist schon ein Gewinn, wobei der genaue Partner erst mal gar nicht so eine wichtige Rolle spielt. Ich glaube, es kommt auf die Bedürfnisse an, aber die sind auch in einer Zweierbeziehung nicht unbedingt nur Zweierbeziehungs-relevant (banal: warum will man sich mit einem reichen, schönen und intelligenten Partner schmücken?).Eine auf Gleichberechtigung beruhende Beziehung setzt also, denke ich, voraus, dass beide Partner nicht das (unbewusste) Ziel verfolgen, eigene Unzulänglichkeiten zu kompensieren.Die Selbstdefinition über Beziehungen entsteht in meinen Augen, weil sie eben eine Aufgabe und damit einen Daseinszweck, aber auch einen Wertehorizont und Handlungsnormen mit sich bringen, die den jeweiligen Umgang beeinflussen. Ein völlig isolierter Mensch müsste die gesamte Orientierungsarbeit selbst leisten; aber auch er stünde vor dem Problem, wie und warum er das machen soll. Ich glaube, jeder Mensch braucht die Beziehung zu anderen, offensichtlich auch besonders eine Zweierbeziehung, um zu wissen, welche der unendlich vielen Möglichkeiten in allen Lebensbereichen er wählen soll. Im besten Fall ist es, wenn man liebt und geliebt wird, nicht mehr schwierig, existenzielle Fragen nach dem Wichtigsten im Leben oder nach dem eigenen Wert zu beantworten.Gruß, Karo

  2. Arne Bachmann says:

    Hallo Karo,(die Karo aus Ettlingen)?Ich finde, du hast die beiden Logiken doch sehr gut zusammengefasst. Ich glaube tatsächlich das der Vorwurf jemand leide an einem Helfersyndrom oftmals von Leuten kommt, die so ganz und gar nicht an andere denken. Aber natürlich gibt es das Phänomen, dass sich Menschen in völlig ungesunden Beziehungen fast völlig für den anderen auslöschen. Das wäre dann wirklich sehr problematisch.Dann ist für mich noch das Ding einer Beziehungsethik die völlig asyymetrisch ist. Emanuel Levinas hat ja so eine radikale einseitige Ethik entworfen, die nicht mehr die Gegenseitigkeit sucht, sondern sich als "Geißel des Anderen" versteht.In einem Buch über Levinas heißt es: "’Bewegung ohne Wiederkehr’ nennt darum Levinas jene Erfahrung des Anderen, die nicht zum Selben zurückführt, die sich statt dessen dem anderen rückhaltlos öffnet und sich auf ihn einlässt, selbst um den Preis der Gefährdung des eigenen Ich. Solches Einlassen ist Abenteuer. Es erfordert die einseitige Tat: den Verzicht auf alles Wissenwollen und Verständnis."

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