Gott im Exil

Zur Zeit belege ich zwei Seminare an der Heidelberger Hochschule für jüdische Studien. Dort erfreue ich mich der umfassenden Gelehrsamkeit meiner Dozenten, die wirklich von Kunst und Literatur, Philosophie und natürlich von dem Tanach und seiner Auslegung auf eine nicht technokratische Weise vieles umfasst. 

Verlassen

(Quelle: http://fotos.fotosoftware.biz/images/20080317232921_imgp1376.jpg)

Bei der Auslegung eines Psalms gelangten wir fast beiläufig an ein rabinisches Theologem, welches laut unseres Dozenten prägend für das Judentum geblieben ist. Es geht um den Gedanken, dass Gott selbst im Exil ist, dass Gott selbst heimatlos ist. 

Gottes Wohnung , der Tempel ist und bleibt zerstört und bis sich das ändert, ist er obdachlos. Das klingt ein wenig wie N.T. Wrights Gedanke, dass Jesus das Ende des Exils verkündet hat und die Gläubigen zur Wohnung Gottes machte, aber es ist ein anderer Akzent. Der Akzent liegt auf der Schwäche Gottes. Es ist – wie jemand im Seminar sagte – strukturelle Kreuzestheologie. Gott wird hier selbst als ohnmächtig vorgestellt. Es heißt in Talmud und Midrash, dass Gott seit der Zerstörung des Tempels kein Lachen mehr kennt. So zeigt sich für Talmud und Midrash eine sehr menschliche Seite Gottes, der selbst von den historischen Ereignissen überrollt worden zu sein scheint.

Eine andere Geschichte, in der das sinfällig wird, ist laut unseres Dozenten der brennende Dornbusch. Gott kam mit Moses ins Exil und zeigte sich ihm dort. 

Was ist das für eine Vorstellung, von einem Gott, der nicht nur mit uns auf Wanderschaft geht, sondern der auch mit uns verloren geht, der sich in den Untiefen der Geschichte mit uns verfangen hat, anstatt über allem zu stehen und immer schon zu wissen, wie alles ausgeht? Ist das ein gefährlicher Anthropomorphismus oder vielleicht ein sehr attraktives Bild von Gott, der wirklich nur “a stranger on the bus” ist?

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11 thoughts on “Gott im Exil

  1. k.arola says:

    der gott, der mit uns verloren geht: diesen gedanken finde ich sehr anziehend. oder: der gott, der mit uns stirbt; auch das hat etwas tröstliches, weil die distanz überwunden scheint. gleichzeitig endet damit aber auch der glaube an ein happy end, an den sieg des guten über das böse. und damit kann ich mich nur schwer abfinden.

  2. Arne Bachmann says:

    Ja so ein Aspekt, wie im Übrigens auch die Kreuzestheologie, darf nicht gegen den anderen Aspekt ausgespielt werden.Ich glaube nur, so ein Gedanke könnte der Bibel ihre Dramatik zurückgeben, wenn es nämlich nicht zu einer Geschichte wird, in der eh schon alles feststeht. Dann fängt Hoffnung an, Hoffnung zu sein und nicht eine Art Rückversicherung (jetzt sieht alles scheiße aus aber in Wirklichkeit ist da jemand, der mir garantiert, dass es nicht WIRKLICH scheiße ist). Es ist vielmehr die Hoffnung darauf, dass der, der mit uns verloren gegangen ist, sich erheben wird und als derjenige erweisen wird, der es zu einem guten Ausgang führen kann.

  3. k.arola says:

    Das sind zwei spannende Perspektiven…So ist die Ferne Gottes, und damit eine alles überragende Größe für denjenigen ein Trost, der gerade im Angesicht des Bösen unterzugehen droht (sehr schön illustriert in Zvi Kolitz’ „Jossel Rakovers Wendung zu Gott“), weil dieser Gott für das wenngleich ferne doch immerhin vorhandene und am Ende siegende Gute steht;während ein in den Banalitäten des Alltags und den Widersprüchlichkeiten des eigenen Lebens verworrener Mensch an dem Gedanken Gefallen finden kann, dass Gott nah ist in allen Unzulänglichkeiten (dem Exil) und ebenso darin versunken ist – und eben nicht distanziert und erhaben auf uns herab blickt und billige "alles wird gut"-Parolen verteilt. Nur frage ich mich noch, wie diese zwei Aspkete in einem Gottesbild zu vereinen sind. Ist es der Gott, der leidet und mit uns verloren ist, der sich irgendwann erhebt und das Gute durchsetzt?? Oder anders gefragt: wann lacht Gott wieder?

  4. Phil Mertens says:

    Was den Akt des Gebets auszeichnet, ist die Entscheidung, die Gegenwart Gottes zu betreten und ihr entgegenzutreten. Gebet meint, sich selbst Ihm auszusetzen (oder: bloßlegen), Seinem Gericht. […] Die Schechina ist im Exil, die Welt ist korrupt, das Universum selbst ist nicht zuhause …. Beten meint demzufolge, Gott zurück in die Welt zu holen, sein Königtum zu gründen, Seine Herrlichkeit vorherrschen zu lassen. […] Anbetung ist die Gegenwart Gottes in der Welt ausbreiten. Gott ist transzendent, aber unsere Anbetung macht ihn immanent. Dies beinhaltet die Idee, daß Gott auf den Menschen angewiesen ist: Seine Immanenz hängt von uns ab.

  5. Phil Mertens says:

    Abraham Heschel greift ebenfalls diese rabbinischen Traditionen auf, daß Gott im Exil sei. Er als chassidisch geprägter Jude kann dann aber deutlich formulieren, daß durch Gebet Gottes Gegenwart aus dem Exil in die Welt gebracht werden könne. In "Man’s Quest for God", S. 61f., schreibt er dazu (meine Übersetzung):Zitat s.o. (irgendwie durcheinandergelaufen beim Posten:-)

  6. k.arola says:

    @Phil: Danke für das Heschel-Zitat. Der Gedanke, dass Gott durch Anbetung gegenwärtig wird, erinnert mich an Pratchetts Scheibenweltroman "Einfach göttlich", in dem u.a. die These anschaulich wird, dass Gott – im Roman eine Schildkröte – nur so mächtig ist, wie auch Menschen an ihn glauben. Sehr herausfordernd.

  7. Phil Mertens says:

    Ebenfalls guter Gedanke in dem Roman. Andererseits gibt es auch Ansätze aus der emergenten Szene wie der von Roxburgh, daß Gott bereits (z.B. in der Nachbarschaft) am Werk ist und wir uns dem "nur" anschließen müssen. Heschel ist da auch nicht völlig klar, denn auch wenn das Gebet vom Menschen ausgehen soll und es der Mensch ist, der Gott durch Staunen "finden" kann, geht letztlich die Initiative immer von Gott aus, dementsprechend der Titel seines Standardwerkes "God in Search of Man". Es wäre wohl zu spitzfindig oder gar modern, da einseitig entscheiden zu wollen. Letztlich sehe ich aber den Punkt Heschels und vieler anderer jüdischer Denker als zentral, daß uns von Gott viel Macht und Verantwortung gegeben ist, um Seine Herrschaft hier auf der Erde groß zu machen (oder eben auch nicht). Darin würde ich deutlich den Lutheranern und ähnlich gesinnten Positionen widersprechen, die meiner Ansicht nach zu einseitig auf Biegen und Brechen als auf die Gande abwälzen wollen.

  8. kauda says:

    Heute bin ich noch über Hans Jonas gestolpert, der in seinem Werk "Der Gottesbegriff nach Ausschwitz" einen werdenden, leidenden Gott beschreibt, welcher seine Allmacht aufgegeben hat und die Welt so ganz in die Verantwortung des Menschen stellt. Jonas denkt damit traurig-schön zusammen, was ich nicht so für wahr halten mag, wegen des gewünschten happy ends… (Auf http://www.literaturkritik.de findet sich in der Ausgabe vom Mai 2003 eine beeindruckende Gesamtschau von Jonas’ Lebenswerk.)

  9. Phil Mertens says:

    Ja, Jonas ist ein herausfordernder Denker gewesen, den man durchaus kritisch beäugen darf. Werde mich wohl im kommenden Semester innerhalb eines Seminars über ihn auch mit genau dieser Thematik befassen. Ähnliches Denken findet sich auch bei Elie Wiesel oder Emil Fackenheim. Bin mir gerade nicht mehr sicher, wo ich das gelesen habe. Aber wie immer, sehr spannend.

  10. bmk says:

    Hi Arne,um ehrlich zu sein, frage ich mich in letzter Zeit öfter, ob Gott überhaupt noch "hier" ist. "Hier" heißt zum Beispiel Badenwürttemberg, wo es den ganzen Tag nur um Geld geht. Vielleicht ist Gott ja eher da, wo die Leute verrecken.Aber das wäre wohl zu leicht und zu schwarz weiß… aber manchmal frage ich mich das.PS+OT: Kannst Du noch einstellen, dass hier die gravatar Bildchen für die Comments genutzt werdne?

  11. Arne Bachmann says:

    Moin, ja, ganz abgesehen dass ich nicht glaube, dass sich Gott je ganz irgendwo "verdrängen" lässt, glaube ich auch, dass er nicht immer dort ist, wo man ihn gemeinhin vermutet. Der eine Satz hier sagt es vielleicht ganz gut: http://www.ship-of-fools.com/features/columnists/small_fire/18.html

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