(Post-säkular: Fundament- alismus)

So nach einer kleinen Krankheitspause nun wieder ein Post in meiner Reihe über Säkularisierung.

Laut der klassischen Säkularisierungsthese verschwindet Religion in einer modernen Welt, einer Welt, die durch die Naturwissenschaften und Technik, den modernen Wohlfahrtsstaat  etc. die Bedürfnisse nach Welterklärung, Sinngebung und nach Schutz vor der Natur auch ohne Rückgriff auf die Religion befriedigen können. Nur ist diese These in ihrer Reinform ein wenig aus der Mode gekommen. Spätestens der 11.September rief den westlichen Akademikern mit großer Wucht in Bewußtsein, dass die Religion “alive and well” ist und einfach nicht verschwinden will. Also ist das neue Motto die “Wiederkehr der Religion” – verbunden mit der Frage, ob sie denn jemals wirklich weg war. Aber etwas ist zu beobachten: religiöse Revitalisierungsbewegungen werden in den Blick der Wissenschaftler genommen. 

Und ein Schreckgespenst, von dem der Religionssoziologe Martin Riesebrodt behauptet, es hätte erfolgreich das Schreckgespenst “Kommunismus” abgelöst, geistert herum: das Gespenst des Fundamentalismus. 

Es ist schon komisch, welche Geschichte dieser Begriff hinter sich hat. Begonnen mit den protestantischen Gruppen, die in den USA versuchten sich von liberaler, modernistischer Theologie abzugrenzen, war der Begriff eigentlich bis in die 70er nur für christliche Gruppen in Verwendung, die sich selbst so bezeichneten. Bis bei der iranischen Revolution dieser Begriff von westlichen Journalisten auf die konservative Revolution von Ajatollah Chomeini angewandt wurde. 

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(Quelle: Wikipedia)

Seitdem wird mit diesem Begriff alles mögliche bezeichnet: israelische Siedler, militante Hindus, Amish People, die Pfingstbewegung. Alle Formen von Religiosität, die in der gegenwärtigen Gesellschaft irgendwie suspekt wirken. Wie Zizek sagen würde: vor allem Leute, die ganz offen und direkt glauben, was sie glauben, die also nicht ihre Pflicht zur ironischen Brechung nachkommen. Es scheint ein Begriff zu sein, der genau wie der Begriff Propaganda nur noch polemisch, pejorativ gebraucht werden können. Es scheint ein Begriff sein, mit der eine Elite, sei es eine religiöse, akademische oder politische jene Formen von Religiosität als illegitim disqualifiziert, die nicht ihren Standarts entspricht. Und hier kommen eben auch Machtfragen dazu: wer darf festlegen, was die Standarts sind? Wer sagt, was legitim ist? Nur gezähmte, angepasste, staatstragende Religiosität? 

Damit will ich nicht behaupten, dass es keine destruktive Formen von Religiosität gibt, die aus einem kosnervativen Milleu kommt, eine naive Hermeneutik hat, Ungerechtigkeit unterstützt etc. Was ich sagen will: man soll diese nicht mit diesen Begriff belegen, denn diese Bezeichnung ist das Ende nicht der Anfang von einer wirklichen Auseinandersetzung mit diesen Formen. Neulich wurde ein Heidelberger Professor nach der Vorlesung von einer kirchlichen Sektenbeauftragten über die Theologie der charismatischen Wort & Geist Bewegung befragt. Dieser antwortete mit großer Selbstverständlichkeit: “Tja, das ist Fundamentalismus” und ging weg. Genau das ist das Problem: hier endet jede Auseinandersetzung. Wenn jemand ein Fundamenatlist ist, dann ist außerhalb des legitimen Diskurses und man kann ihn ignorieren. Oder man dreht eine verschwörungstheoretisch angehauchte Arte Reportage. 

Besser finde ich die Beobachtung, dass manche der Gruppen, die unter dieses Label fallen, ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Moderne und Modernisierung haben. Sie reagieren gegen – oft tatsächich verkorkste – Versuche die Religion zu modernisieren und reagieren indem sie in allen Punkten das Gegenteil behaupten. Sie sind deshalb in dem gefangen, was Derrida einen reaktiven Antagonismus nennt. Sie sind müssen immer reagieren und protestieren und können auch keine wirkiche Auseinandersetzung führen. Sie verkörpern sozusagen eine moderne Antimoderne (viele christliche Gruppen benutzen ja erfolgreich moderne Medien etc). 

Also würde ich sagen, dass die Benutzung des Begriff öfter unangemessen als angemessen ist, indem sie einfach nur das klassische Säkularisierungsparadigma transportiert (alle Relgion die zu lebendig ist, ist schonmal suspekt) und Macht-  und Legitimitätsdiskurse führt. Das dahinterstehende Phänomen zeigt der liberalen Gesellschaft außerdem ihre Grenzen auf. Wie Zizek sagen würde, sind diese Gruppen der Einbruch des Realen, des ganz Anderen, in die Symbolische Ordnung. Es bringt das moderne Paradigma der Toleranz bis an seine Grenzen. Und dennoch sind viele der christlichen Ultrakonservativen Gruppen nicht unbedenklich, denn sie versuchen im Wesentlichen auf die Herausforderungen der modernen Gesellschaft zu reagieren, indem sie nicht reagieren. Sie versuchen den Austausch den das Christentum zu jederzeit mit der ihm umgebenden Kultur hat zu unterbinden und durch den Rückgriff auf auf ewige Wahrheiten. Sie versuchen zeitbedingtes als zeitlos darzustellen. 

 

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One thought on “(Post-säkular: Fundament- alismus)

  1. Walter Faerber says:

    Und die Funktion des Fundamentalismusbegriffes ist es, alles nicht-ironische, nicht fundamental selbst-distanzierte Denken mit diesen destruktiven Gruppen in eine Schublade zu sperren.Übrigens gibt es in der Begriffsgeschichte von "Fundamentalismus" ein wichtiges Zwischenglied: in den 1980ern waren erst orthodox-kommunistische Gruppen und später der radikalere Flügel der Grünen die "Fundis".Im übrigen Danke für diesen nachdenkenswerten Post!

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