[Post-säkular: Bonhoeffer]

Ich mache gerade ein Seminar mit, dass sich aus religionswissenschaftlicher und praktisch-theologischer Sicht mit dem Thema “Säkularisierung” auseinandersetzt. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt wie säkular unsere Gesellschaft ist (und woher man das weiß) und welchen Ort den Kirchen in der Gesellschaft zukommt. 

Zu diesen Fragen hatte sich der “späte Bonhoeffer” in seinen Gefängnisbriefen schon Gedanken gemacht. Er geht dabei – was nicht unproblematisch ist – von der klassischen Säkularisierungsthese aus: Wenn eine Gesellschaft zur Moderne übergeht, wird sie irgendwann ihrer eigenen Autonomie gewahr werden. Sie braucht Gott nicht, um die Entstehung der Welt zu erklären, sie braucht Gott nicht um ein gutes Leben zu führen. Die Menschen kommen ohne die Arbeitshypothese Gott aus. 

Bonhoeffer

(via Depone)

Erstaunlich sind die Briefe deshalb, weil sie weitergehen: wir leben in einer Zeit nach der klassischen Metaphysik und der Innerlichkeit und damit in einer Zeit nach der klassischen abendländischen Religion, die Gott hinter der Welt und in unserem Inneren als Gewissen verortet. 


Bonhoeffer kritisiert jetzt billige Versuche, Gott in der säkularen Welt apologetisch “zu retten”. Wenn man naturwissenschaftlich Gott in irgendwelchen Nischen des Nichtwissens verortet, befindet sich Gott – da unser Wissen wächst – auf einen ständigen Rückzug. Auch will man oft den Menschen ihre Autonomie madig machen und ihnen mit den Mitteln von Existenzphilosophie und Psychoanalyse zeigen, dass sie eigentlich ja Gott doch bräuchten.

 

„Gott wird zur Antwort auf Lebensfragen, zur Lösung von Lebensnöten und -konflikten. Wo also ein Mensch nichts derartiges aufzuweisen hat bzw. wo er sich weigert, sich in diesen Dingen gehen und bemitleiden zu lassen, dort bleibt er eigentlich für Gott nicht ansprechbar oder es muss dem Mann ohne Lebensfragen etc. nachgewiesen werden, daß er in Wahrheit tief in solchen Fragen, Nöten und Konflikten steckt. […] Gelingt es aber nicht, den Menschen dazu zu bringen, daß er sein Glück als Unheil, seine Gesundheit als Krankheit, seine Lebenskraft als seine Verzweiflung ansieht und bezeichnet, dann ist das Latein der Theologen am Ende.“ 

 

Gegen diese Versuche, Gott in der säkularen Welt zu retten, betont Bonhoeffer die Idee eines religionslosen Christentums. Dieses versucht Gott als mitten im Leben transzendent darzustellen.Es sucht Gott nicht “an den Rändern, sondern in der Mitte des Lebens, nicht in der Schwäche der Welt, sondern ihrer Kraft”. Es sucht nach einer nicht-religiösen Interpretation christlicher Begriffe. Vor allem: es erkennt die Autonomie der Welt und die Autonomie der Menschen an.

„Und wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, daß wir in der Welt leben müssen – [als ob es Gott nicht gäbe]. Und eben dies erkennen wir – vor Gott! Gott selbst zwingt uns zu dieser Erkenntnis. […] Gott gibt uns zu wissen, daß wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt (Markus 15,34)! Der Gott, der uns in der Welt leben lässt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott läßt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz. […] Nur der leidende Gott kann helfen.“

Wir müssen – auf ‘fromme Weise’ – gottlos werden, so der radikale Schluss. Zwar stellt sich für uns die Säkularität von Welt und Mensch längst nicht mehr so eindeutig dar wie für Bonhoeffer und wir reden auch längst nicht mehr so unbefangen von menschlicher Autonomie, aber das Krisenbewußtsein Bonhoeffers ist hier wirklich herausragend. Kein Versuch einer frommen Umdeutung der Gegenwart, keine plumpe Apologetik, sondern eine tiefe Betroffenheit von der Krise, in der er das Christentum sieht. Ich denke, dies ist der Weg auf dem Bonhoeffer für uns heute relevant ist – nicht durch den Kurzschluß einer “Tod Gottes Theologie“. Aber das auch ein mögliches Ende der Säkularisierungstheorie noch lange keine gute Nachricht für die Kirchen bedeutet sollte klar sein.

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One thought on “[Post-säkular: Bonhoeffer]

  1. Phil Mertens says:

    Hey Arne!Saucool, jetzt habe ich auch mal Deinen Blog gefunden. Gute Gedanken, sehr inspirierend; und v.a. ein ganz anderer Background als meiner, kann also viel bei Dir lernen. Bin gespannt, was noch kommt. Go for it!Viele Grüße aus Mainz,Philipp

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