Bin Laden und die Rache-Narrative

Bin Laden ist – wohl – tot und alle Welt freut sich. Wobei ein kurzer Blick zu den Status Meldungen meiner Facebook Kontakte eine deutlich differenzierte Sprache spricht: vor allem kontinentaleuropäische Bekannte (und das sind nunmal die meisten meiner Bekannten) sind hier viel skeptischer. So spricht ein holländischer Freund von Barabarei und viele scheinen sich nicht sicher zu sein, ob dieses Verfahren einer gezielten Tötung (falls es so abgelaufen ist) ein guter Weg ist. Ohne Frage ist es der ehrliche Weg. 

Mich befremdet es, wie oft in amerikanischen Filmen etc. das Thema der Selbstjustiz und der Rache vorkommt. Anscheinend ist das ein Thema mit dem viele Amerikaner wesentlich mehr anfangen können, als wir Deutschen. Wir haben die Tendenz das Gewaltmonopol des Staates (mit der Ausnahme eines totalitären Regimes) völlig zu akzeptieren, während vielleicht in den USA eine starke Skepsis gegen die staatliche Institutionen (“the government”) vorherrscht. 

Aber mehr als das, geht es vielleicht um eine Auffassung von Gerechtigkeit. Wenn George Bush sich mit einem Megaphon hinstelle und triumphierend die wahre Botschaft dieses Ereignisses verkündigt (vgl. tagesschau): “Ganz gleich, wie lange es dauert, der Gerechtigkeit wird Genüge getan.” und wenn New Yorks Bürgermeister sogar von inneren Frieden und Trost für die Angehörigen spricht, so ist dies für unsere Ohren eine sehr fremde Auffassung von Gerechtigkeit.

Es scheint eine retributive Auffassung zu sein: “Jedem genau das, was ihm gebührt”. Bei einem Verbrechen wird also die Ausgeglichenheit der Welt gestört und jemand – ein Unschuldiger – erleidet einen Schaden, der ihm nicht zusteht. Deshalb muss die Ungerechtigkeit gesühnt werden, um die “Harmonie” der Welt und das Gerechtigkeitsempfinden des Einzelnen wiederherzustellen. 

Was aber, wenn die Welt fundamental gar nicht so funktioniert, wenn also der “Tun-Ergehens-Zusammenhang” nie wirklich gegeben war, wenn Gesellschaften immer schon unausgeglichen sind? Dann kommt natürlich eine Person wie Bin Laden genau richtig, er funktioniert als Projektionsfläche für all die Unausgeglichenheiten der Welt und damit auch als Projektionsfläche für die aufgestauten Rachefantasien. 

Wenn man jetzt noch eine bestimmte Kreuzestheologie mitdenkt, nämlich dass Jesus kam um Gottes Zorn zu besänftigen, dann könnte man plausibilisieren, warum eine solche Auffassung in konservativen Kreisen in den USA virulent ist.

Das aber, wäre nur meine erste Idee. Aber etwas in mir stellt sich die Frage, ob das nicht eine europäische Hochnässigkeit ist und ob nicht genau diese Auffassung von Gerechtigkeit auch “in uns” gährt und ob nicht diese Auffassung psychologisch “recht hat”. 

Was meint ihr?


 

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