Levinas & Fight Club

Ich kann es nicht lassen, Dinge zusammenzudenken, die nach gängiger Vorstellung nicht miteinander zu verbinden sind. Heute: das Frühwerk des jüdischen Philosophen Emmanuel Levinas und ein Hollywood-Klassiker.

Levinas, der aus Litauen nach Straßburg kam, um sich von dort aus mit der phänomenologischen Philosophie von Edmund Husserl und Martin Heidegger zu beschäftigen, gehörte zu jenen linksintelektuellen jüdischen Denkern, die in Frankreich schon früh die Gefahr des aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland sahen. Im Gegensatz zu einigen anderen Ländern, sah man in Frankreich schon bald nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, die Bedrohung, die von Deutschland ausging. 

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Levinas schrieb in einen seiner ersten Aufsätze, die von ihm gedruckt worden im Jahr 1934 (ein Jahr bevor sein erstes Werk “Ausflucht aus dem Sein” erschien) eine Art philosophische Diagnose des Nazi-Regimes (“Einige Überlegungen zur Philosophie des Hitlerismus” in: ders. die Unvorhersehbarkeit der Geschichte), dass als Gegenbewegung zu einer ausufernden, banalisierten Freiheit auftritt:

Das Denken wird [im banalen Liberalismus] zum Spiel. Der Mensch wird seiner Freiheit selbstgefällig und will sich mit keiner Wahrheit mehr einlassen. Er macht aus seiner Fähigkeit zu zweifeln, einen Mangel an Überzeugung. […] Die Kultur wird von allem, was unecht ist, was nicht eigentlich ist, überschwemmt, vom Surrogat, das den jeweiligen Interessenslagen und der jeweiligen Mode dient.

Dies ist der Boden auf dem ein Vulgär-Existentialismus erblühen kann; ein Existentialismus, der nach dem Authentischen sucht, und diese Authentische findet er in der Unmittelbarkeit der eigenen Körper-Erfahrung: 

Einer Gesellschaft, die den lebendigen Kontakt zu ihrem wahren Ideal der Freiheit verliert, um deren degenerierte Formen anzunehmen, und die, weil sie nicht sieht, was dieses Ideal an Einsatz verlangt [..] erscheint das Ideal des germanischen Menschen wie ein Versprechen von Aufrichtigkeit und Eigentlichkeit. […] Das Wesen des Menschen besteht nicht mehr in der Freiheit, sondern in einer Art Verbundenheit. Wahrhaft man selbst zu sein heißt nicht mehr, den Flug über das Kontingente […] anzutreten; es heißt im Gegenteil, sich der urpsrünglichen, nicht wählbaren, einzigen Leib-Gebundenheit bewusst zu werden.

Ist dies nicht genau die Diagnose des Films Fight Club? (Link zum Trailer, Link zur Wikipedia)

Fight Club beginnt mit der Beschreibung des Lebens eines gelangweilten Versicherungsangestellten. Sein Leben besteht aus Arbeit und Konsum, bis er von einer tiefen Schlaflosigkeit befallen wird. Übrigens: Versicherungsvertreter haben seit Franz Kafka in solchen Werken Konjunktur, man denke z.B. an Memento. Doch schließlich trift er Tylor Durden, einen rebellischen Aussteiger, der dem – namenlosen! – Protagonisten den Weg zum authentischen Leben zeigt. 

“Was weißt du schon über dich, wenn du noch nie gekämpft hast?”

Und so eröffnen die beiden einen streng geheimen Club, in dem unbekannte miteinander kämpfen, um durch den Schmerz und die Unmittelbarkeit des Kampfes wieder zu sich zu finden. Eine interessante Szene ließt sich wie eine Beschreibung der Idee, dass der Mensch “im Angesicht des Todes ein Leben wählt”: Vier Mitglieder des Fight Clubs sitzen mit Tylor Durden im Auto, als dieser das Lenkrat umreißt, auf die Gegenfahrbahn fährt und die Insassen fragt: “Was ist die eine Sache, die ihr im Leben noch erreichen wollt?” Diese Antworten – wie gleichgeschaltet – Dinge wie “ein Selbstportait zeichen” etc. 

Würde der Film hier enden, so könnte man ihn als klassiche, aber billige, Gesellschaftskritik aus Hollywood verstehen: die Menschen heute sind im Konsumdenken gefangen und sie brauchen wieder die Unmittelbarkeit der Erfahrung, um aus den “Kopien von Kopien von Kopien” (Zitat Fight Club) auszubrechen, die diese Gesellschaft uns bietet. 

Aber der Film geht weiter und endet in einer gleichgeschalteten Armee authentischer Zombies, die für ihren Guru alles tun würden und beinahe als Terroristen enden.

Soweit der Vergleich. Aber – wenn der Vergleich dieser beiden doch sehr unterschiedlichen Genres angemessen ist – ist die Kritik berechtigt? Führt die Suche nach einer neuen Verbundenheit mit dem Leib automatisch in eine aggressive Haltung? Wie sähe denn die Alternative aus? In einem zurück zum philosophischen Idealismus, in dem der Mensch als wesentlich autonomes Selbst angesehen wird, dass über den Dingen schwebt und eine abstrakte Freiheit über den Leib ausübt, sehe ich – und der spätere Levinas auch – keine befriedigende Antwort. 

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3 thoughts on “Levinas & Fight Club

  1. Andi says:

    Gute Analyse, auch wenn ich die Schizophrenie-Problematik in Fight Club noch ein wenig höher bewerten würde. Und eine so faschistische Tendenz in Durdens Truppe zu sehen, ist mir nicht so ganz geheuer. Überhaupt auch eine feiner Blog! Hätte gerne selber die Konsequenz, so was zu machen.

  2. Arne Bachmann says:

    Moin Andi,ja mit wieviel Konsequenz der Blog betrieben werden wird, wird sich zeigen. Aber ist zumindest mal ein Schritt in die Richtung.Ich hatte Fight Club schon ewig nicht mehr gesehen. Aber stimmt: das mit der Schizophrenie ist interessant.Naja mich hat der Film immer verstört, weil ich ihn zuerst immer nach klassicher Konsumkritik gelesen hab; eben vor allem die ersten Minuten gehen ja in die Richtung. Aber das Ende stellt das für mich alles in Frage und genau die Szene mit dem Auto auf der Gegenfahrbahn hat dann bei mir so Faschismus Assoziationen geweckt, vor allem weil die Leute so mechanisch und gleichzeitig "eigentlich" geantwortet haben. Ich will übrigens nicht sagen, dass ich die Kritik des Films oder die Kritik Levinas’ unterschreiben kann. Zumindest Levinas stellt sich in dem Aufsatz ganz klar auf die Seite des Idealismus und der "desengaierten Subjektivität", was ich nicht so ganz verstehen kann.

  3. […] überführt wurden, oder aber ob nicht – wie es Levinas als Zeitgenosse 1933 schon analysierte – vielmehr die Dekadenz und das Schwere- und Substanzlose dieser Zeit die Hintergrundfolie […]

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