Emergent Forum – sound/bites

Wenn ich etwas bei Emergent zu schätzen gelernt habe, dann ist es die Erlaubnis nachzudenken, weiterzudenken und anders zu denken. Besonders dort, wo Menschen sehr persönlich über ihren Glauben reden, will man in der Regel eigentlich nicht zu viele kritische Rückfragen stellen. Aber gab es bei dem Forum zum Glück genügend Räume für solche Rückfragen, die die Chance eröffneten Positionen argumentativ zu unterlegen.
Nun ist Nachdenken etwas, was ich gut kann – den Dingen nach-zudenken. Und nachdenkenswert fand ich das Forum. Es beschäftigt mich auf einer persönlichen Ebene und einer intellektuellen Ebene. Deshalb meine Resonanzen auf einige der starke Sätze, die mir hängen geblieben sind. Dies sind auch weiterführende Gedanken zu dem, was Jaana an anderer Stelle angemerkt hat.

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“Ich will das ‘und’ sein, nicht das ‘aber'” – Gesprächskultur

Das Verbindende suchen, nicht das Trennende, den Konsens, nicht den Dissens, die Horizonterweiterung, nicht die Selbstgettoisierung. Das wären drei – übrigens sehr unterschiedliche – Formulierungen wie man den Satz verstehen kann vom “und” und dem “aber”. Nun war der Satz eher auf das Gottesbild und die daraus resultierende Praxis gemünzt.  Ich will ihn erst einmal für die Gesprächskultur auf dem Forum untersuchen. Denn bestenfalls kann der Satz meinen: lernen, sich angstfrei einer Pluralität von Ansichten auszusetzen und sich herausfordern lassen, aber auch angstfrei und ohne übermäßige Selbstzensur selbst in Erscheinung zu treten (“Zeuge zu sein”). Schlechtestenfalls hieße das: Harmoniesucht, Unterdrückung von Streit, Unterstellung einer großen Gemeinsamkeit, die gar nicht vorhanden ist und das Ausblenden aller skeptischen Rückfragen. Nochmals: Christina wollte explizit nicht so verstanden werden, aber ich möchte dennoch mal in die Richtung etwas sagen, weil man eine bestimmte Tendenz immer wieder sieht: Gerade “bei Kirchens” begegnet einem manchmal das, was Nietzsche etwas bissig “die Unfähigkeit zur Feindschaft” nannte.  Man könnte wohl eher übermäßiger Konfliktscheu und Harmoniesucht reden. Der Unfähigkeit Dinge an anderen Scheiße zu finden, die Unfähigkeit einen unbequemen Standpunkt zu vertreten, der gerade im Raum keine Mehrheiten findet.

Dort, wo Gespräche geführt werden, passieren verschiedene wunderbare und weniger wunderbare Dinge. Eines davon kann man mit Miroslav Volf “Differenzierung” nennen*: das so genannte “Eigene” bildet sich in der Auseinander-Setzung mit andern und der Abgrenzung von anderen. Immer. Da, wo Menschen auf leidenschaftliche Weise zu etwas “JA” sagen, müssen sie zu anderem “Nein” sagen. Seit Jahren leben wir in einer Kultur, die diese Art von Differenzierung nicht gerade fördert weil sie im Streit etwas Bedrohliches sieht. Ich bin mehr und mehr der Überzeugung: die eigentliche Bedrohung heute ist die Unfähigkeit, sich auf menschliche Weise miteinander – auseinander zu setzen. Die Unfähigkeit zum fairen und höflichen Streit.

Neben der Differenzierung spricht Miroslav Volf auch vom “judging”. Judging bedeutet nicht die Verurteilung anderer, sondern bezeichnet den Einsatz der kritischen Urteilskraft um eine Position (auch seine eigene zu befragen). Gerade dieser Aspekt wird manchmal nicht gern gesehen, da er zu oft mit Rechthaberei, Besserwisserei und anderen Charakterschwächen einher gegangen ist. Außerdem gibt es eine starke Bewegung in der “spirituellen Szene”, die das Ausblenden der kritischen Urteilskraft betont. Wir brauchen aber heute mehr denn je Menschen die “fähig sind, sich ihres Verstandes zu bedienen” und die verschiedene Positionen auch kritisch bewerten können NACHDEM sie diese verstanden haben. Nicht ein zuviel, sondern ein zuwenig an kritischer Urteilskraft führt zu falschen Verasbolutierungen der eigenen Comfort-Zone.
Für Christen könnte ein Leitbild dabei die “Feindschaft gegen die Feindschaft” sein. Also durchaus ein Kampf und ein Streit gegen “Exklusion” – gegen die Entmenschlichungs des Andersdenkenden, des moralisch Fragwürdigen oder des Feindes. Gerade dabei wird es aber leider nicht immer ohne schmerzhafte Trennungen ablaufen. Denn es gibt Dilemma Situationen, in denen Solidarität mit dem einen zur Feindschaft mit dem anderen führen kann. In diesen Dilemma-Situationen wird dann die Beziehung zu anderen anspruchsvoll. In jedem Eingehen auf andere blendet man “andere andere” aus. Dem einen zuzuhören heißt andere zu überhören. Und hier haben wir den Salat: auf der einen Seite betonen wir mit großem Recht die Selbstzurücknahme und den Machtverzicht als Leitbild, welches sich aus dem Kreuzesgeschehen heraus ergibt. Auf der anderen Seite haben wir schon in den basalsten Gesprächen mit Machtfragen zu tun: wem höre ich zu, wer darf sprechen, wessen Stimme zählt? Da, wo Menschen, “einfach nur auf Augenhöhe” miteinander sprechen gibt es immer andere Stimmen, die mehr oder weniger bewusst überhört werden.
ABER – und hier kommt das Forum ins Spiel – wie schlimm wäre es, wenn alles immer Streit, immer alles Auseinandersetzung wäre? Wie schlimm wäre es, wenn jeder bockig in seinem Weltanschauungs-Getto oder dem eigenen Safe Space verbleiben müsste? Wir sind keine Gefangene unserer Ansichten und es braucht Orte, in denen man seine eigenen Ansichten mal einklammern kann, um wirklich auf andere zu hören – Philosophen sprechen von der Suspendierung (dem Einklammern von dem, was man zu wissen meint). Ich bin froh, dass man beides haben konnte: im persönlichen Gespräch überwog der Versuch, einander zuzuhören und “Raum zu gewähren”. Aber es gab auch – nicht zuletzt auf den Podien – genügend Kontroverse. Ich will beides haben! Den Widerstreit und das aufeinander Hören.

“Warum Biographie IMMER stärker ist als Theologie”

Etwas, was ich im freikirchlichen Bereich immer wieder beobachte: eine Allergie gegen Theologie. Eine Reaktion gegen rigiden Dogmatismus, die sehr verständlich ist. Theologen gelten für viele als Bedenkenträger, die einen sagen, was man nicht tun, denken, sagen darf. Aber Theologie ist doch nicht einfach die Wissenschaft, die wahre Sätze verwaltet. Theologie ist das kritische Durchdenken des eigenen Glaubens, der Dialog mit dem, was bisher über den Glauben gedacht wurde und der Versuch, den Glauben vor dem Forum der Vernunft in seiner Eigenlogik zur Darstellung bringen. Insofern ist Theologie nie ohne Biographie und eine gläubige Biographie nie ohne Theologie. Sowohl Nadia als auch Christina haben doch immer wieder betont, wie ihnen Theologie eine Sprache, eine Grammatik gab. Nadia betonte zudem, wie ihr eine bestimmte lutherische Theologie dabei half die “Freiheit eines Christenmenschen” zu verstehen. Theologie ist meines Erachtens eine Fürsprecherin der Freiheit des Menschen und eine Wissenschaft, die den Menschen befähigen soll mit eigener Stimme über den Glauben zu sprechen und den Glauben aus der Enge und Verkrampfung herauszuführen. Das sie das nicht immer gut gemacht hat sei zugestanden. Doch dann handelt es sich um eine schlechte Theologie.

Selbst bei hochgebildeten Menschen, (vor allem aus einem freikirchlichen Spektrum?), erlebe ich immer wieder eine beharrliche Weigerung sich denkerisch mit dem eigenen Glauben zu beschäftigen, ihn selbst zu verantworten und kritisch zu durchdenken. Irgendwie gibt es die unausgesprochene Prämisse: die Sache mit dem Glauben müsse doch letztlich “ganz einfach” und intuitiv vonstatten gehen. Doch scheint der Glauben eine Tendenz zu haben, eng und bedrückend zu werden, wenn er sich nicht dem kritischen Gespräch stellt. Denn zu schnell unterwirft man sich bereitwillig religiösen Autoritäten und bleibt in (selbst-)zerstörerischen Denkmustern gefangen. Vielleicht ist es an der Zeit, wieder ein positives Verhältnis zur Theologie zu gewinnen und zu sehen, wie die meisten der eigenen Fragen, auch in 2000 Jahren Kirchengeschichte schon einmal gestellt worden. Das Gegengift gegen eine schlechte, rechthaberische, beengende Theologie ist nicht der Verzicht auf Theologie, sondern eine lustvolle und befreiende Theologie.

“In der Begegnung mit anderen sollte vielleicht nicht die Wahrheit, sondern die Liebe zählen”

Wahrheit oder Liebe? Dabei handelt es sich um eine schlechte Alternative. Denn so formuliert bliebe nur eine unwahre Liebe oder eine lieblose Wahrheit.
Vielleicht ist das unablässige Stellen der Wahrheitsfrage heute auch etwas Subversives. Georg Pazderski von der AfD sagte neulich:
“Es geht nicht nur um die reine Statistik, sondern es geht darum, wie das der Bürger empfindet. Perception is reality. Das heißt: Das, was man fühlt, ist auch Realität.”
Das Ausblenden der Wahrheitsfrage ist etwas Gefährliches. Denn, wenn man sich auf “gefühlte Wahrheiten” bezieht und die Frage nach der Geltung dieser gefühlten Wahrheiten ausblendet, so hat man doch trotzdem noch seine starken Geltungsansprüche, wie zum Beispiele: “Wir sollten keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen”. Nur, im Ausblenden der Wahrheitsfrage entzieht man diese Geltungsansprüche der kritischen Diskussion.  Die Wahrheitsfrage stellen heißt doch, sich einem kritischen Gespräch auszusetzen. Das hat Ingolf Dalferth schöner ausgedrückt, als ich das tun könnte. Für ihn geht es heute nicht um die Frage nach der “Zukunft der Religion in einer säkularen Zeit”, sondern um die “Wahrheit menschlichen Lebens”:

“Die Wahrheit des menschlichen Lebens. Das ist die Frage, um die gestritten wird und gestritten werden muss, nicht das Für und Wider von Religion oder Nichtreligion in einer säkularen Welt. Wie müssten wir leben, um wirklich menschlich zu leben? Wie können wir es? Worauf müssten wir achten, um uns nicht mit weniger zufrieden zu geben, als wir sein könnten? Woran sollten wir uns orientieren, um uns nicht selbst zu täuschen? Und wie können wir es im Miteinander mit anderen, die das genuin Menschliche eines menschlichen Lebens selten genau so verstehen wie wir?”

(Ingolf Dalferth, Transzendenz und säkulare Welt. Lebensorientierung in letzter Gegenwart, Tübingen 2015, S. 43)

Ich finde diese Formulierung sehr gut. Das zeigt: bei der “Wahrheit menschlichen Lebens” geht es nicht einfach nur um ein Set von Überzeugungen und “wahren Sätzen” auch wenn diese nicht fehlen werden. Es geht um nichts, was ich verteidigen müsste, als würde es mir gehören oder über das ich Kontrolle besitze. Vielmehr ist und bleibt sie jeweils außerhalb meiner selbst, so dass ich sie  – wieder nur – bezeugen kann.
Dalferth beschreibt dies so:

“die Wahrheit des Lebens, also die Frage nach dem, was ein menschliches Leben – jedes einzelne menschliche Leben auf je seine Weise – trotz aller Dürftigkeit, Unzulänglichkeit, Beschädigung, Falschheit und Verworrenheit wahr und gut und recht macht.” (Dalferth, Transzendenz, S. 44)

Daran sieht man: Wahrheit, dass heißt im Christentum doch nie bloß Fakten und wahre Sätze. Bloße Richtigkeit und Faktizität wäre zu wenig. Das hat das Christentum mit dem Marxismus und der Psychoanalyse gemein: es geht um einen “engagierten Wahrheitsbegriff”: Wahrheit als solche ist nur Wahrheit, wenn sie “frei macht”. Wahrheit kann und darf gar nicht “absolut” sein: losgelöst und über den Köpfen der Menschen schwebend. Doch ist Wahrheit auch kein Besitz, sie wider-fährt mir: sie durchbricht meine liebgewonnen Denkgewohnheiten und fordert mich heraus. Man braucht etwas, dass der eigenen Verworrenheit und der beständigen Tendenz zur Selbsttäuschung widersteht, um “in Freiheit lieben” zu können. Und diese Wahrheit kann mir jeweils nur von anderen gesagt werden. Ich kann auf die Wahrheit nicht einfach zugreifen wie auf ein Bankkonto. So verstanden müsste man hier keine Alternative aufmachen zwischen “Wahrheit” und “Liebe”.

Soviel mal zu einigen Reaktionen auf Soundbites vom Forum. Wenn Zeit ist, werde ich mich die Tage nochmal zu einem Aspekt melden, der immer wieder vorkam: der Versuch, offen zu sein und die Unumgänglichkeit von Exklusionen. Aber das ist ja jetzt schon sehr viel gewesen.

*Diese Gedanken findet man gut entfaltet in Miroslav Volfs Buch “Von der Ausgrenzung zur Umarmung. Versöhnendes Handeln als Ausdruck christlicher Identität, Marburg 2012, S. 76-81.

Das Emergent-Forum 2016

Ein denkwürdiges Wochenende voller Begegnungen geht zu Ende: das Emergent Forum 2016, dass sich durch die beiden Rednerinnen Christina Brudereck und Nadia Bolz-Weber inspirieren ließ, um sich mit dem Thema der Gastfreundschaft und der Gnade Gottes zu beschäftigen. Hier ein erster Rückblick. An anderer Stelle versuche ich noch einige Dinge aufzugreifen, und weiterzudenken und meine Sicht der Dinge einzutragen.

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“Where everyone is welcome, no one will be missed”

Über das Unbehagen in der Netzwerk-Welt

Schön ist’s hier.

Ich sitze in einer Kneipe, an einem Ort, den Caroline Emcke neulich mit einem „Tempel“ verglich, der Schutz und Geborgenheit bieten soll. Nun ist der Rauch, der den Raum erfüllt zwar keineswegs Weihrauch, aber zumindest ist der Raum mit seelsorgerlichen Ratschlägen aller Art durchdrungen. An diesem Ort, wo sich die Netzwerk-Welt materialisiert, hat jede Frage, jeder Zweifel, fast alles Schräge und Eigentümliche seinen Platz: Verdauungsprobleme, erektile Dysfunktionen und die (anderen) Folgen einer schwierigen Kindheit. Man lässt sich auf das Gegenüber ein, versucht einander zu verstehen und schaut nur äußerst selten auf das Mobiltelefon. Ganz anders als sich das mancher voreilige Feullitonschreiber so vorstellen mag.

Doch, ich liebe diese Netzwerk-Welt und fern liegt mir jeder kopfschüttelnde Kulturpessimismus, der nur noch Whatsapp-Junkies, moralisch abgestumpfte Tinder-User und einen ins Prinzipielle versetzten Zustand der Unverbindlichkeit sehen will.

Nein!

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Die Gute Nachricht vom Scheitern oder: aus Lust und Liebe leben

Die Gute Nachricht vom Scheitern, oder: “aus Lust und Liebe leben”, oder: Gedanken zur Freiheit eines Christenmenschen. 

Mit einer Gruppe Studierender zusammen mit Pastoren vom “Evangelischen Bund” fuhren wir über Himmelfahrt nach Wittenberg und Torgau. Natürlich wegen des Reformationsjubiläums. Nicht ohne Skepsis über den Gedenk-Wahnsinn nahm ich die Gelegenheit zum Anlass, mich mal wieder ausgiebiger mit Luther zu beschäftigen. Heraus kam dieser Vortrag als Versuch einer – zusammenfassenden – Vergegenwärtigung von Luther “Von der Freiheit eines Christenmenschen”. 

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Wie erinnern?

Im folgenden  werde nicht genau beschreiben, was Luther 1520 gedacht und gemeint haben könnte. Stattdessen versuche ich einfach nur diesen Text zu vergegenwärtigen, ihn in der Gegenwart lesen. Dabei wird auch die Wirkungsgeschichte des Textes sanft ausgeblendet.

Denn, wenn wir uns an Luther und die Reformation erinnern, geht es meines Erachtens nicht darum, ein historisches Ereignis zu verstehen. Es geht nicht ums Museale, ums Anekdotische oder ums Historische, sondern es geht darum, wie uns das Ereignis Reformation heute betreffen kann.

Ich werde immer etwas nervös, wenn man solche Gedenkfeiern dazu nutzt, einfach nur die eigene Tradition, die eigene Kirche und die eigene protestantische Identität feiern zu wollen.

Vielmehr geht es mir um das, was Johann Baptist Metz mal „gefährliche Erinnerungen“ nannte: um ein Erinnern, dass auch an die Möglichkeiten erinnert, die in der Vergangenheit lagen, die eben nicht immer verwirklicht worden sind. Es geht auch darum zu gucken, ob und wie uns ein alter Text heute noch verunsichern und herausfordern kann.

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Wider den Konsens oder: Wo die AfD recht hat

Ok, ich gebe zu: reißerischer Titel, der vor allem dazu dienen soll, Leute einen langen Artikel lesen zu lassen. 

Alle, die grundlegender über die gegenwärtige politische Lage nachdenken möchten als nur in schnellgetakteten Schlagzeilen, ARD Sondersendungen, hysterischen Facebook-Posts und in Wortmeldungen von … Oliver Kalkofe,  denen möchte ich ganz dringend ein Buch aus dem Jahr 2007 ans Herz legen.

Es ist von Chantal Mouffe, einer belgischen Politologin, die sich mit Demokratietheorie und dem Erstarken des europäischen Rechtspopulismus auseinandersetze. Das Buch heißt Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion (bei Suhrkamp für 10 € erhältlich) und ist eine radikaldemokratische Streitschrift, eine Kritik an der Politik der Nachwendejahre und ein Erklärungsversuch für das Aufkommen des europäischen Rechtspopulismus.

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Das Zwielicht der Gemeinschaft

Mit der Gemeinschaft ist es so eine Sache. Für manche ist sie ein Heilsbegriff. Es wird einem warm ums Herz. Bilder aus der Jugend – oder von der Front – Bilder von “einst”, meist mit der richtigen Musik unterlegt, kommen einem ins Gedächtnis. Oder das Versprechen eines Wir’s. Eines großen Zusammenhaltes, der je nachdem verloren gegangen ist, oder noch aussteht. Manche denken eher an die piefige Enge kleiner religiöser Gemeinschaften, an die stickige Vertrautheit derer, die sich nichts mehr zu sagen haben oder an nationalsozialistischer Volksgemeinschaft, die in der Suche nach der Reinheit von Blut und Boden wurzelt. Andere sehen keinen Sinn darin, dieses Wort noch zu nutzen. Ähnlich wie das Wort Freundschaft scheint das Wort Gemeinschaft durch seine praktische Allgegenwart (Wohngemeinschaft, Fahrgemeinschaft, die europäische Gemeinschaft und natürlich die “Netzgemeinde”) an Bedeutung verloren haben. Doch scheinen sich so viele Probleme der Gegenwart gerade in diesem Wort und seiner Ambivalenz zu bündeln.

Die Frage nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit scheint auch eine der zentralen Fragen in der derzeitigen Flüchtlingsdebatte zu sein: Hannah Arendt sprach in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg von der prekären Situation jener “Entwurzelten”, die aus sämtlichen politischen Zugehörigkeiten gefallen waren, und die nun um die Aufnahme in einem ihnen fremden Gemeinwesen ersuchten. Sie sprach hier vor allem von der Suche nach rechtlicher Zugehörigkeit, vom “Recht Rechte zu haben”.

Nun ist die rechtliche Integration in ein Gemeinwesen zwar die zentrale Frage in der öffentlichen Debatte (können sich Muslime “integrieren” – hier verstanden als: das Grundgesetz achten), aber die grundlegendere Frage, die durch die juristischen Erwägungen eher verdeckt wird, ist doch die Frage nach der Interaktion von Lebensformen. Wie stellt sich die Zugehörigkeit zu kulturellen Lebensformen dar? Welche konfligierende Loyalitäten treffen aufeinander? Wie verändert sich Lebensformen durch die Interaktion mit anderen Lebensformen und wie stellt sich in einer pluralen Welt so etwas wie Zugehörigkeit dar? Kurzum: wollte man die derzeitige Situation allein als individuelles Problem (der einzelne Flüchtling mit seinen Rechten) behandeln, verfehlt man das Problem genauso, wie, wenn man in einer kruden Großthese von einem Zusammenprall von “Zivilisationen” (Huntington) spricht.

Und so lässt sich das Paradox der Zugehörigkeit heute so benennen: auf der einen Seite sind Formen und Strukturen von Zugehörigkeit das, was Menschen suchen, die hier her kommen (Orte der Zugehörigkeit als Bedingung der Möglichkeit von Gastfreundschaft), zum anderen wird der ängstliche Vorbehalt gegen Fremde vor allem in Hinblick auf die Gefahr, die Fremde für diese Gemeinschaft darstellen, ausgesprochen (Zugehörigkeit als Bedingung der Unmöglichkeit von Gastfreundschaft). So spukt auf jeder PEGIDA und AfD Kundgebung das Gespenst einer Gemeinschaft herum. Diese Gemeinschaft wird  beschworen als eine esoterische Gemeinschaft der “Wahrhaftigkeit” (aka: Gemeinschaft derer, welche die gleichen Verschwörungstheorien verbreiten), eine Gemeinschaft derer, die sich aus Protest gegen die etablierte Ordnung verschworen haben: nicht jedoch, um diese Ordnung herauszufordern und zu erneuern, sondern um eine vermeintliche bedrohte Ordnung wiederherzustellen (“Europa der Vaterländer”, “Abendland” etc.). Und eine post-politische, organische Gemeinschaft, welche den Streit über die Zugehörigkeit und die Gestaltung der “polis” (also: das Wesen der Politik) hinter sich lassen will. Kein Streit soll mehr herrschen über das gemeinsame Zusammenleben, kein Kampf zwischen verschiedenen Interessen und Vorstellungen, sondern dieser Kampf soll ein für allemal durch den Verweis auf einen vermeintlichen volonté général, auf den großen, einheitlichen Willen des Volkes beendet werden: “Wir sind das Volk” – heißt auch stets: wer nicht will, was wir wollen, der schließt sich selbst aus dem Volk aus und er muss beseitigt, neutralisiert, “ausgeschafft” oder – auch gerne – vor einen “Volksgerichtshof” gezerrt  werden.

Niemand hat das Problem der Gemeinschaft prägnanter – und freilich dabei etwas parodistisch übertrieben – dargestellt als Franz Kafka in seiner kleinen Erzählung “Die Gemeinschaft”:

“Wir sind fünf Freunde, wir sind einmal hintereinander aus einem Haus gekommen, zuerst kam der eine und stellte sich neben das Tor, dann kam oder vielmehr glitt so leicht, wie ein Quecksilberkügelchen gleitet, der zweite aus dem Tor und stellte sich unweit vom ersten auf, dann der dritte, dann der vierte, dann der fünfte. Schließlich standen wir alle in einer Reihe. Die Leute wurden auf uns aufmerksam, zeigten auf uns und sagten: »Die fünf sind jetzt aus diesem Haus gekommen.« Seitdem leben wir zusammen, es wäre ein friedliches Leben, wenn sich nicht immerfort ein sechster einmischen würde. Er tut uns nichts, aber er ist uns lästig, das ist genug getan; warum drängt er sich ein, wo man ihn nicht haben will. Wir kennen ihn nicht und wollen ihn nicht bei uns aufnehmen. Wir fünf haben zwar früher einander auch nicht gekannt, und wenn man will, kennen wir einander auch jetzt nicht, aber was bei uns fünf möglich ist und geduldet wird, ist bei jenem sechsten nicht möglich und wird nicht geduldet. Außerdem sind wir fünf und wir wollen nicht sechs sein. Und was soll überhaupt dieses fortwährende Beisammensein für einen Sinn haben, auch bei uns fünf hat es keinen Sinn, aber nun sind wir schon beisammen und bleiben es, aber eine neue Vereinigung wollen wir nicht, eben auf Grund unserer Erfahrungen. Wie soll man aber das alles dem sechsten beibringen, lange Erklärungen würden schon fast eine Aufnahme in unsern Kreis bedeuten, wir erklären lieber nichts und nehmen ihn nicht auf. Mag er noch so sehr die Lippen aufwerfen, wir stoßen ihn mit dem Ellbogen weg, aber mögen wir ihn noch so sehr wegstoßen, er kommt wieder.”

(Franz Kafka – Die Gemeinschaft)

In Kafkas ironisch-parodistischer Parabel geht es zunächst um die Geburt einer Gemeinschaft: fünf Menschen kommen aus einem Haus und von außen werden sie als eine Gruppe wahrgenommen: »Die fünf sind jetzt aus diesem Haus gekommen.«. Die fünf kamen nicht einmal gleichzeitig, sondern nacheinander aus dem Haus. Aus dieser äußerst zufälligen Begebenheit wird nun eine feste Gruppenidentität postuliert. Die Gruppe, deren Zusammengehörigkeit vor allem auf  einer Behauptung fußt, ist also in gewissem Sinne grundlos. Grundlosigkeit besagt nun nicht, dass es keine Gründe gibt, sondern, dass diese nicht zeitlos, nicht ewig abgesichert sind: es gibt Gründe, es gibt Begründungen, es gibt “gemeinsame Werte” und unausgesprochene Regeln des Zusammenlebens. Man kann diese Gründe (“diese fünf sind gemeinsam aus einem Haus gekommen”), die Begründungen (“gemeinsame Erfahrung”), die Identität (“wir sind fünf und wollen nicht sechs sein”), die Regeln (“was bei uns fünf möglich ist und geduldet wird, ist bei jenem sechsten nicht möglich und wird nicht geduldet”) zwar beobachten und beschreiben, aber es sind kontingente Gründe, sie ruhen nicht in einem der Zeit enthobenen Wesen und nicht in einem göttlichen Ratschluss, der nun gerade diese fünf zusammenschweißt. Das Reden über Gemeinschaft hat die Eigenschaft, aus historischen Zufälligkeiten (fünf Menschen kommen aus einem Haus) eine identitätsstiftende Notwendigkeit zu machen. Doch hinter dem Verweis auf eine gemeinsame Geschichte, auf gemeinsame Werte und Erfahrungen steckt der Abgrund der Beliebigkeit (“Wir fünf haben zwar früher einander auch nicht gekannt, und wenn man will, kennen wir einander auch jetzt nicht”). Eine gemeinsame Geschichte ist ja immer nur die Erzählung einer gemeinsamen Geschichte und Zusammengehörigkeit hat meist den Charakter einer Unterstellung. Für ein Gemeinschaftsgefühl braucht es schon mehr.

Dazu benötigt es den störenden Sechsten. Dazu benötigt es jemanden, der kommt und den Zusammenhalt der Gruppe scheinbar durch seine bloße Anwesenheit gefährdet. Gemeinschaft, die identitär (also abgesichert durch eine starke Identität), organisch (also vermeintlich natürlich gewachsen) oder fusional (also im Modus der Verschmelzung von Einzelwillen) bestehen will, hat die Tendenz immer nur im Modus der Gefahr zu bestehen. Jedes Reden über Gemeinschaft in diesem Sinne ist Reden über die Gefährdung von Gemeinschaft von außen (und innen!). Der hinzugekommene Sechste ist es, der die Gemeinschaft vermeintlich stört und dadurch erst schafft. Er ist der notwendig nicht-Zugehörige, dessen nicht-Zugehörigkeit erst die Zugehörigkeit der fünf begründet: »Außerdem sind wir fünf und wir wollen nicht sechs sein.« Gemeinschaft in diesem Sinne ist eine Figur der Schließung, ein imaginäres (das heißt nicht einfach: nicht vorhanden oder falsches!) Produkt der Einbildungskraft, die den Traum eines “friedlichen Lebens” erst erschafft. Man imaginiert eine Ganzheit, eine Vollständigkeit, eine Zusammengehörigkeit, obwohl die Grundlage dafür nicht hinreichend ist. Also benötigt es den störenden Sechsten, auf den man die inneren Widersprüche der Gemeinschaft projizieren kann.

Nichts stiftet mehr Zusammenhalt als ein gewaltsames Opfer.

Dieses dekonstruktive Reden über Gemeinschaft soll nun nicht einfach dafür eintreten, den Begriff der Gemeinschaft fallen zu lassen und das beziehungslose Individuum an seine Stelle zu setzen. Wie schon angedeutet: wo es keine Zugehörigkeiten gibt, gibt es auch keinen Ort, an dem jemand aufgenommen werden kann. Und gerade dort, wo konkrete Formen der Zugehörigkeit und Solidarität in Namen einer maßlosen Eigenverantwortlichkeit erodieren (“jeder ist für sich selbst verantwortlich”), ist der Weg zu einer falschen “Volksgemeinschaft” sehr kurz. Diese identitäre Gemeinschaft wurzelt in einer falschen Sicht von einer der Zeit enthobenen Identität (“das christliche Abendland”), in der Annahme einer vorgängigen nationalen Ganzheit (“die Deutschen”), oder in der Annahme einer fusionalen Willenseinheit (“das Volk”). Und noch in dieser falschen Sehnsucht nach einer harmonischen Ganzheit drückt sich immer auch das aus, was als fehlend erlebt wird: es fehlt konkrete Solidarität, es fehlt das Gefühl in seinen Kämpfen nicht allein da zu stehen, es fehlen Orte der Zugehörigkeit. Die Frage ist also nicht, ob es Zugehörigkeit und Gemeinschaft braucht, sondern wie man diese vorstellen kann ohne den Verweis auf Einheit, Harmonie und starker, der Zeit enthobenen, Identität.

Cornell West und die Selbstbefragung

Philosophieren heißt sterben lernen, sagt Cornell West im Fahrwasser von Sokrates, Montaigne und anderen. Aber sterben als Tod-im-Leben. Hier spricht er in einem sehr guten Video-Auschnitt über den Mut, den es zur Selbstbefragung braucht.

“What happens when you interrogate yourself? What happens when you begin calling into question your tacit assumptions and unarticulated presuppositions and begin then to become a different kind of person? You know, Plato says philosophy’s a meditation on and a preparation for death. By death what he means is not an event, but a death in life because there’s no rebirth, there’s no change, there’s no transformation without death, and therefore the question becomes: How do you learn how to die?
Of course Montaigne talks about that in his famous essay “To Philosophize Is to Learn How to Die.” You can’t talk about truth without talking about learning how to die because it’s precisely by learning how to die, examining yourself and transforming your old self into a better self, that you actually live more intensely and critically and abundantly. So that the connection between learning how to die and changing, being transformed, turning your world upside down.”
(Textauszug nicht deckungsgleich mit dem Video-Auschnitt)

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Freiheit als Unruheherd

In der nächsten Zeit werde ich vermutlich wenig dazu kommen, längere Gedanken hier zu formulieren. Also übernehme ich eine gute alte Praxis: das Posten von Kalendersprüchen. Fast. Eher die philosophische Variante davon. Weniger “Der kleine Prinz” und mehr so Nietzsche.

Beginnen möchte ich mit einem schönen Zitat von Bernhard Waldenfels. Der letzte große deutsche Phänomenologe zeichnet sich dadurch aus, besonders prägnant und zugänglich zu schreiben. Es geht ihn um einen anderen Freiheitsbegriff, der nicht nur das einsame Individuum betont.

Nach Waldenfels Philosophie der Responsivität machen wir nicht Erfahrungen, sondern Erfahrungen machen (etwas mit) uns. Demzufolge beginnt Freiheit “anderswo” nämlich bei den Dingen, die uns passieren, auf die wir dann “kreativ antworten” müssen.

“Freiheit, die im Schatten der Fremdheit wohnt, gibt sich zugleich bescheidener und anspruchsvoller als das, was in der Moderne als Freiheit angepriesen wird. Sie erscheint in vielfältiger und indirekter Form, als ein Sicheinlassen und Aufmerken auf Fremdes, als Wachsamkeit der Sinne, als ein Ausnutzen von Spielräumen, als erfinderische Antwort, als experimentierendes Denken, als Risikobereitschaft, als Freimut der Rede, als Wortwitz, als ironische Distanz, als Rücksicht, die Raum gewährt, als ein Zögern, das innehält – kurz, als ein Tun, das unbewusste und unwillkürliche Antriebe aufnimmt und auf unerwartete Ansprüche antwortet.

So kommt es zu einer ständigen Überschreitung des Eigenen und Vertrauten, zu einer oftmals unmerklichen Abweichung von Regeln. Der anarchische Überschuss an Freiheit bestünde darin, dass sich Freiheit niemals völlig institutionalisieren und normalisieren lässt. Derart verfremdet wäre die Freiheit ein Unruheherd, nicht mehr und nicht weniger.”
(Bernhard Waldenfels – Schattenrisse der Moral, Frankfurt a.M.2006, S. 118)

Zu Pegida III

Preaching to the choir – zu denen reden, die eh schon überzeugt sind. Was soll das ausrichten außer das man billigen Applaus ernten kann? So eine Analyse kann vielleicht wirklich die Dinge in einen anderen Zusammenhang stellen, und auch der Tonfall und die Art der Auseinandersetzung mögen hilfreich sein, aber im Endeffekt werden sich nur wenige hier hin verirren, die noch überzeugt werden müssten.
Und dann landet man beim alten Widerspruch: sich auf selbstgefällige Weise über die Selbstgefälligkeit der anderen aufzuregen, aus einer abgesicherten Position seine eigene Weltoffenheit und Toleranz zu feiern und sich auf die Schulter zu klopfen, dass man nicht so dumm und intolerant ist wie “die dort”.
Also will ich mal etwas sehr Altmodisches machen und vorschnell von einem “uns” ausgehen, dass durch PEGIDA in Frage gestellt wird. Ich will also mit dem schließen, was ich ganz gut kann: Fragen stellen. Man sehe mir dabei bitte nach, falls dies stellenweise die Schranke zum Pathetischen überschreitet, aber das muss so.

Wie schon angedeutet: ist es nicht grotesk, dass wir hier ein Thema diskutieren, dass in den 90ern schon ausreichend beackert worden ist und man sich mit Argumenten auseinandersetzt, die in den 70er Jahren schon alt waren? Was sagt es über den Status und über die Reichweite kritischer Intellektualität aus?

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Zu Pegida II

Nun möchte ich fortfahren mit meiner Analyse von dem, was ich hier von PEGIDA mitbekommen habe.

Welche Rolle spielen Fakten?

Viele denken, dass PEGIDA durch Fakten leicht zu entkräften ist. In den ungeschnittenen Interviews erwiesen sich viele PEGIDA Demonstranten als sehr resistent gegen Fakten. Und zwar nicht, weil die Leute einfach blöd wären.
Den Vorwurf es handle sich hier um Idioten halte ich zum einen für eine Verharmlosung, zum anderen für genau die Art von Überlegenheitsgestus, der Ressentiments schürt.

Die Auseinandersetzung mit PEGIDA muss damit beginnen, dass man anerkennt, dass man mit reinen Fakten gegen Leidenschaften nichts auszurichten vermag. In den Interviews spürte man bei nahezu allen Äußerungen eine Grundhaltung des Ressentiments. Aus dieser Haltung heraus betrachtet man die Realität. Ressentiment gegenüber sogenannten Sozialschmarotzern oder auch gegenüber einer medialen, politischen und akademischen Elite, der man unterstellt, das sie die Fakten so hindreht, wie sie diese gerade braucht.

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